Tourbericht Rondane 20.-21.09.00

Morten und ich hatten ein paar Tage zusammen frei und freuten uns auf eine kurze, aber intensive Herbsttour nach Rondane. Wir wollten bis Dørålseter mit dem Auto fahren, und Morten hatte fünf für ihn neue 2000er im Norden Rondanes auf der Wunschliste.

1. Tag
Am Mittwoch, dem 20.09. saßen wir um 05.00 Uhr morgens im Auto, unterwegs nach Rondane. Wir wählten diesmal nicht die Standard-Anreise über die Valdresflya nach Otta, sondern fuhren Richtung Westen, über nord Etnedal und auf der Schotterstraße nördlich am Spåtind und südlich am Ormtjernkampen-Nationalpark vorbei nach Gausdal und von dort aus auf die E6. In Ringebu verließen wir die E6 und fuhren auf der RV 27 über das Venabygdfjell, welches wir bei Sonnenaufgang erreichten. 
Hier war Reif gefallen, und die Morgensonne zauberte die erste halbe Stunde, bevor sie zu warm wurde, ein Märchen aus Frost und Licht . Der Muen (1424 m) stand eingehüllt in einen mystischen Wolkenschleier , der Storronden sah aus wie ein Gemälde mit Schnee auf dem Gipfel und den Herbstfarben drum herum , dazu der leichte Reifhauch in der Luft, und wir konnten uns nicht sattsehen und freuten uns unbändig über diesen herrlichen Morgen hier oben. Doch die Zeit schritt rasch voran und wir hatten noch über eine Stunde Fahrt zum Startpunkt unserer Wanderung vor uns.
Unterwegs wurde dann doch noch der ein oder andere Fotostop eingelegt, und gegen 10.00 Uhr kamen wir an der Mautstraße nach Dørålseter an.
Doch wie groß war unsere Enttäuschung, als wir feststellten, daß mit Schließung der Berghütten in Dørålseter auch die Zufahrtsstraße gesperrt worden war! Es war uns, vor allem bei diesem Traumwetter, überhaupt nicht eingefallen, diesbezüglich nachzufragen.
Doch das Wetter strahlte trotzdem in gleichem Maßen weiter, es war noch früh am Tag, und so schulterten wir die Rucksäcke und nahmen die 11 extra Kilometer pro Strecke, die dies für uns bedeutete, in Kauf, wohl wissend, daß wir unser Programm "vor Ort" würden kürzen müssen, und parkten das Auto an der Schranke. 
Wir wollten in Richtung Høg- (2114 m), Midt- (2060 m), und Digerronden (2015 m), und dies auf dem kürzestmöglichen Weg, um wenigstmöglich Zeit zu verlieren. Dies bedeutete, daß wir vor Dørålseter einen Weg über die Atna finden mußten. Wir waren noch nie vorher in dieser Ecke Rondanes gewesen und unsere Karte reichte nicht so weit nördlich. 
Also gingen wir der Nase nach schräg bergab durch Birkenwald in Richtung Fluß hinunter. Doch es dauerte nicht lange, und wir waren am Rand der Schlucht, die die Atna hier gegraben hat, angekommen und erkannten, daß auf mehrere Kilometer kein Hinüberkommen möglich war. Zuerst gingen wir ein Stück am Rand der Schlucht entlang und trafen nach einer Weile auf den Wanderweg (RS15), der von Straumbu zwischen der Atna und der Schotterstraße nach Dørålseter führt. Diesem folgten wir die nächsten rund zwei-drei Kilometer über flechtenbewachsenen Boden und durch goldgefärbten Birkenwald . Doch dies ging uns auf Dauer zu langsam, und deshalb bogen wir bald auf die nahe Straße ab, der wir noch ein Stück weit folgten. Die Bergkulisse Rondanes in dieser farbenprächtigen Umgebung und dazu der blaue Himmel brachte uns zum Schwärmen . Doch trotz der Schönheit der Landschaft um uns herum nagte noch ein wenig die Enttäuschung darüber, daß wir im Grunde einen der nur zwei Tage, die wir insgesamt hatten, verloren hatten. 
Als wir sehen konnten, daß die Schlucht der Atna flacher geworden war, wollten wir erneut versuchen, eine Stelle zu finden, an der es möglich war, die Atna zu überqueren. Wir kamen auch bis zum Fluß hinunter und hatten Glück, denn hier war es auf der anderen Seite auch möglich, wieder aus der Schlucht herauszukommen. Der Fluß selbst sah im Grunde aus, als sei es möglich, ihn zu durchwaten. Wir sagten uns hier oder nirgendwo, und Morten war der erste, es zu probieren. Er kam heil drüben an, auch wenn der zweite Teil etwas tiefer war und es ihn sichtlich Anstrengung kostete, sich nicht mitreißen zu lassen. Ich habe es auch geschafft, auch wenn ich dabei bis zur Hüfte klatschnass wurde und auch Morten wieder bis zu den Oberschenkeln ins Wasser mußte, um mir hinüber zu helfen. Ab und zu braucht man eben auch ein kleines Abenteuer...
Wir kletterten schnell in die Sonne hoch, denn das eiskalte Wasser tat gehörig weh, auch als wir wieder draußen waren. Wir zogen uns schnell trockene Sachen an und hängten die nassen Hosen über die Rucksäcke zum trocknen. Nun galt es, einen Zeltplatz zu finden, das Zelt aufzubauen, etwas auszuruhen und dann schnell in Richtung Midt- und Digerronden aufzubrechen. Den Høgronden würden wir an diesem Nachmittag nicht mehr schaffen, das stand schon fest.
Wir gingen durch ein Tal mit herrlicher Herbstfärbung und fanden etwas später einen halbwegs guten Platz südöstlich der Neverbuhøi (1324 m) an einem Bach und legten eine Stunde Pause ein. Indessen bauten wir das Zelt auf und aßen eine Kleinigkeit. Um 14.00 Uhr waren wir dann in leicht ansteigendem Terrain unterwegs zu dem zweitwestlichsten der Felskessel, die an der Nordseite der "Ronden-Kette" liegen. Der Nordrücken des Midtronden sah steil aus, und wir entschieden uns, auf dem Rücken zwischen dem Diger- und dem Midtronden aufzusteigen. 
Im Grunde war das nicht weiter schwierig, zuerst mäßig steil über loses Geröll und Steinblöcke, das letzte Stück leichtes Klettern an festem Fels. Aber ich habe nun mal Höhenangst, und irgendwie wird es damit auch eher schlimmer als besser, je mehr solcher kleiner Klettertouren ich mitmache. Das schlimme ist nicht das Klettern an sich, das geht ganz gut, aber mehrere hundert Meter tiefe Abgründe rechts und links daneben zu haben, auch wenn der Rücken rund 10 m breit ist, ist nicht unbedingt meine Welt, und unterwegs hinauf graut mir beständig schon vor dem Abstieg. Doch wenn ich dann oben stehe, ist es ein so erhabenes Gefühl, die Aussicht rundherum und alles, daß ich jedesmal froh bin, mich überwunden zu haben. Gegen 16.00 Uhr standen wir dann auch endlich auf dem Band zwischen Midt- und Digerronden. 
Während Morten sich zuerst nach links wendete, um wenigstens die beiden Gipfel des Midtronden für sich zu erobern, wenn schon aus dem Høgronden nichts wurde, ging ich bereits langsam voraus, nach rechts in Richtung Digerronden. Von hier aus war es nicht mehr schwer oder unheimlich, und ich war eine halbe Stunde bevor Morten mich einholte auf dem Gipfel , dessen oberer Teil schneebedeckt und eisig war. Die Abendsonne machte einen letzten Versuch, die aufsteigende Kälte zu bekämpfen, und der Blick nach Süden zur 700 Meter hohen, senkrechten Nordwand des Rondslottet (2178 m) und nach Osten entlang des Bergrückens hinüber zu den zwei Midtronden-Gipfeln war großartig. Das Smiubelgen-Massiv im Westen mit dem Veslesmeden (2015 m) und dem Sagtind (2018 m) sah im Gegenlicht auch toll aus, und ganz im Hintergrund konnte man im Südwesten die Kulisse Jotunheimens und im Nordwesten die der Snøhetta (2268 m) erkennen.
Wir stiegen in westlicher Richtung vom Digerronden ab, nach und nach mehr nördlich schrägend, überquerten die Vidjedalsflyi im Sonnenuntergang und erreichten eine halbe Stunde später ziemlich erschlagen unser Zelt. 

2. Tag
Heute wollten wir es etwas ruhiger angehen, und da sowohl der Høgronden als auch der Sagtind zu weit für eine Halbtagestour waren, unternahmen wir einen Ausflug zu den Skranglehaugane , einem einzigartigen Eiszeitphänomen. Es handelt sich um Toteiseinbrüche. Die an Granateneinschläge erinnernden Krater entstanden, als gegen Ende der letzten Eiszeit große Eisblöcke von Geröll bedeckt wurden und langsam abschmolzen. Die Deckschicht sank dann ein, und die Krater entstanden. 
Auch heute schien die Sonne, doch es gab eine leichte Schleierbewölkung, die immer dichter wurde. Aus dem Tal des Vidjedalsbekken folgten wir dem DNT-Wanderweg der von Bjørnhollia über den Høgronden nach Dørålseter (Variante von RS03) führt, über die Atna (diesmal auf einer Brücke!) und nach Dørålseter. Auf der Straße gingen wir dann die 11-12 Kilometer zur Schranke zurück und fuhren nach Hause, diesmal über Vinstra und den Jotunheimenveien nach Bygdin.
Es war eine kurze, aber intensive Tour gewesen, und der 700 Höhenmeter lange Abstieg vom Digerronden, der ausschließlich über Geröll und Stein, Stein, Stein führte, saß uns ganz schön in den Beinen, so daß wir bei jeder Bewegung daran erinnert wurden, daß wir etwas getan hatten.