Herbsttour ins Dovrefjell 09.-12.09.00
Wir hatten uns vorgenommen, in diesem Herbst eine mindestens dreitäge Tour ins Dovrefjell zu unternehmen, bei der wir in erster Linie die Snøhetta besteigen wollten. Wir nahmen uns zwei Tage in Verbindung mit einem Wochenende frei und waren fest entschlossen, zu fahren, wie auch immer der Wetterbericht aussehen sollte.
1. Tag
Am Samstag, dem 09.09.00, fuhren wir dann gegen 09.30 Uhr bei dunkel bewölktem Himmel los. Wir waren nicht extra früh aufgestanden, denn das Wetter war im Grunde brauchbar, aber nicht besonders gut vorhergesagt, und ein Blick aus dem Fenster hatte uns davon überzeugt, daß kein Grund zu Euphorie bestand. Wir hatten geplant, von der E6 nach Reinheim zu gehen, eine Halbtagestour von rund 4 Stunden. Schon auf der Valdresflya gerieten wir in Schneeregen und Nebel und wurden wieder einmal daran erinnert, wie winterlich der Herbst im Gebirge oft schon sein kann. Doch gen Norden sah es heller aus, und als wir nach gut drei Stunden Fahrt in Hjerkinn ankamen, lugte sogar das ein oder andere Stück blauer Himmel zwischen den Wolken hervor.
Wir stellten das Auto bei Grønbakken neben der Straße ab, schulterten unsere Rucksäcke und brachen mit guter Laune und der Vorfreude auf ein langes Herbstwochenende im Fjell auf. Von Grønbakken führt ein markierter und guter Wanderweg südlich der
Kaldvella entlang nach Reinheim, und indem man von Grønbakken statt von Kongsvoll (dem häufigsten Ausgangspunkt) startet, spart man sich den schweißtreibenden Anstieg von rund zweihundert Höhenmetern, mit dem der Weg von Kongsvoll aus beginnt.
Zuerst überquerten wir die Driva auf der Brücke und folgten der Schotterstraße rund 500 Meter zum alten Stationsgebäude an der Bahnlinie der Dovrebahn. Hier überquerten
wir die Schienen und eine Wiese, kletterten über einen Zaun (das sollte man
hier offensichtlich, den jenseits ging der Weg weiter) und befanden uns nun auf dem Wanderweg nach Reinheim.
Wir waren knapp zwei Kilometer gegangen, als wir einen Jäger trafen, der uns berichtete, weiter taleinwärts
Moschusochsen nahe am Weg gesehen zu haben. Gespannt und zügig gingen wir weiter.
Nach weiteren zwei Kilometern biegt der Weg vom Fluß weg und steigt nach und nach zum Nordausläufer des Kolla (1651 m) etwas an. Wir gingen nun etwas vorsichtiger und hielten ständig Ausschau, denn hier, ungefähr auf der Höhe, wo die Stropla in die Kaldvella fließt, hatte der Jäger die Moschusochsen gesehen. Und richtig: sie waren noch da. Etwas weiter zum Fluß hinunter, in einer grasigen Niederung, standen vier Tiere, eins davon ein kapitaler Bursche. Sie waren nicht sehr weit weg, vielleicht gerade die empfohlenen 200 m oder etwas weniger, und wir standen eine Weile und beobachteten die Tiere mit dem Fernglas.
Es gab immer mal den einen oder anderen Nieselregenschauer, und weil die Bevölkung gleichzeitig immer mehr aufbrach, sahen wir einen wunderschönen
Regenbogen . In einem der kleinen Täler der Seitenbäche fanden wir schöne grasige Zeltplätze und legten eine kurze Verschnauf- und Schokoladenpause ein. Doch wir hatten noch ein gutes Stück Weg vor uns und wollten gerne zur Hütte, weshalb wir bald wieder aufbrachen.
Es ging nun rund 4 Kilometer flach am Fluß entlang, und wir konnten die Hütte schon sehen, als der Weg nochmal eine Biegung machte und mindestens 50 Höhenmeter auf eine Anhöhe hinaufführte. Wir hatten keine Lust, uns dort hinaufzuschleppen, wo es doch entlang des Flusses so gut zu gehen aussah und die Hütte schon so nah war. Also gingen wir wild geradeaus weiter auf die Hütte zu. Im Grunde war es auch gut zu begehen, doch es gab immer wieder kleinere Geröllfelder und Seitenflüsschen zu überqueren, so daß wir im Grunde wohl keine Zeit bei dieser Abkürzung sparten, allerdings sicher auch keine verloren.
Auf der Sommerbrücke gelangten wir direkt vor Reinheim
über die eiskalte Stropla. In der Hütte wurden wir von den schon anwesenden herzlich begrüßt und hatten einen der Schlafräume ganz für uns allein. Es brannte Feuer in allen Öfen und war kuschelig warm und gemütlich. Wie wir später herausfanden, war der Aufsichtsführende der Hütte selbst anwesend, mit Frau und Freunden, und zusammen hatten sie die Hütte von Grund auf gereinigt, so daß sie nun blitzsauber war.
Abends gab es ein schönes Licht, wie man hier
sehen kann.
2. Tag
Als wir erwachten, war das Wetter windig und kalt, aber mit sonnigen Abschnitten zwischen den Wolken, und wir konnten sogar fast bis zum Gipfel der Snøhetta
sehen . Wir entschlossen uns, nicht mit den doch recht schweren Rucksäcken über die Snøhetta zur Åmotdalshytta zu gehen, wie eine unserer Alternativen lautete, sondern statt dessen mit leichtem Tagesrucksack eine Tagestour zur
Snøhetta
(2286 m) hinauf zu unternehmen und auch die nächste Nacht in Reinheim zu verbringen.
Wir gingen den Tag ruhig an und nach einem ausgiebigen Frühstück folgten wir dem Wanderweg in Richtung Snøheim/Snøhetta den ersten Anstieg von rund 200 Höhenmetern, wo ca. 1 km nach Reinheim der erste Weg nach Snøheim
links abbiegt, und über das Plateau zwischen Nordost- und Ostrücken der Snøhetta. Indem man nach und nach auf den Ostrücken gelangt, ist der Weg zum Gipfel mit Eisenstangen markiert, die das Militär, welches auf dem Hauptgipfel eine Station hat, gesteckt hat, damit man sich auch in dichtem Nebel nicht verirrt.
Diesen Stangen folgten wir nun über Geröll und einer dünnen Schicht Neuschnee
(der uns ganz schön um die Ohren geblasen wurde )den gut drei km langen, dafür aber nicht sehr steilen Rücken zum Hauptgipfel hinauf.
Unterwegs wurde es immer bewölkter und der Wind immer stärker. Zum Schluß war er so stark, daß er uns manchmal auf drei Schritten zwei zurückwarf, und wir erst beim dritten Anlauf einen Schritt vorwärtskamen. Trotzdem kehrten wir nicht um, denn wir waren fast oben und wollten nicht aufgeben. Außerdem war es ja nicht gefährlich, nur anstrengend und sehr kalt. Durch den Nebel sahen wir die Andeutung des Abgrunds nach Süden hin und hielten uns mitten auf dem Rücken, der zum Gipfel hin etwas schmaler wird.
Oben angekommen, setzte ich mich in den Windschatten, den uns dankbarerweise die Hütte spendete, während Morten den knappen Kilometer weiter zum Mittelgipfel ging (bzw. lief). Für einige Sekunden lang brach die Sonne durch und brachte den Schnee und die Eisformationen an dem Radiomast zum
Glitzern , dann war alles wieder grau. Als Morten von seinem kurzen Abstecher zurückkam, tranken wir gemeinsam unseren mitgebrachten heißen Kakao - unter diesen Umständen der schiere Genuß - und aßen unsere geschmierten Brote. Lange hielten wir es nicht aus, stillzusitzen, denn es war zu kalt.
Auf dem Abstieg hielten wir uns weiter nördlich an der Abgrundkante zum Nordgletscher hin und bekamen nach und nach je weiter wir abstiegen auch wieder eine bessere Sicht. Unten auf dem kleinen Plateau wurde es wieder sonnig, und wir beobachteten kurz ein
Schneeammerpärchen , welches schon das Winterkleid angelegt hatte.
Nach rund 5 Stunden wieder bei der Hütte angekommen, stellten wir fest, daß wir allein waren, und außer einem schweizer Pärchen kam an diesem Abend auch niemand mehr.
3. Tag
Wir hatten immer noch einen vollen Tag, bevor wir wieder zurückmußten, und beschlossen, einen Tagesausflug zur Åmotdalshytta zu unternehmen.
Wir starteten wieder mit dem ersten Anstieg in Richtung Snøhetta und gingen dann schräg über das Plateau, wo wir nach rund zwei Kilometern auf den markierten Weg aus Snøheim trafen. Die kleinen Bergseen nordöstlich der Snøhetta schimmerten türkis in der Sonne, die ab und zu mal durch die Wolken lugte.
Wir überquerten den Fuß des Nordausläufers der Snøhetta und machten einen kleinen Abstecher zum Gletschersee des Nordgletschers auf 1662 m Höhe. Dort hatte der Wind die ganze Nacht lang das Wasser über die Ufersteine gepeitscht, wo es in einer dünnen Eisschicht um die Steine
gefroren war. Als wir kamen, war die Eisschicht nocht nicht getaut, und die Sonne ließ das Ganze wie ein glitzerndes Kunstwerk
aussehen .
Nach einer Foto- und Schokoladenpause hier am Wasser verabschiedete sich die Sonne dann für einige Stunden, und es wurde recht dunkel und ungemütlich. Sie schickte noch ein paar kurze Strahlen auf den
Larseggen mit dem Larstind, der auf uns etwas unheimlich und nahezu unbesteigbar wirkte
( ; nur der Gedanke daran, die steile Bergseite über vereistes Geröll hinaufzuklettern, brachte mich zum Grauen).
Wir fanden selbst jetzt, Mitte September, noch immer blühende Pflanzen, die den Sommer noch nicht aufgegeben hatten und tapfer alle Anstrengungen daran setzten, ihre Vegetationsperiode voll auszunutzen, bis der Frost sie in die Knie zwingen würde.
Als wir 1 km vor der Åmotdalshytta zu der Stelle kamen, wo die Wege von Snøheim entlang des nördlichen Fußes der Snøhetta, von Snøheim über die Snøhetta und von Reinheim durch den Leirpullskardet zusammentreffen, kehrten wir und wählten letzteren für den Rückweg.
Langsam begann sich der Wind, etwas zu legen, und als wir durch den Leirpullskardet kamen, brach auch die Sonne wieder durch. Dieser Weg zwischen Reinheim und der Åmotdalshytta führt im Gegensatz du dem, den wir gekommen waren, mehr durch Vegetation als Geröll und ist leicht begehbar. Die kurze Kletterei zum Einschnitt hoch (ca. 60 Höhenmeter) und auf der anderen Seite wieder hinunter machen das Ganze eigentlich nur ein wenig abwechlungsreicher. Insgesamt waren wir rund 6 Stunden unterwegs gewesen.
4. Tag
Am Dienstag, den 12.09.00 hieß es Rucksäcke packen und den Rückweg antreten. Alle, die am Montag von Kongsvoll aus dovrefjelleinwärts nach Reinheim gegangen waren, hatten bis zu 20 Moschusochsen gesehen, und wir hofften, daß wir heute auf dem Rückweg auch wieder Glück haben würden.
Wir wollten mal wieder einen neuen Weg ausprobieren und starteten entlang der Nordseite der Stropla, wo wir dem Wanderweg nach Kongsvoll bis zur Hestgjeterhütte folgten. Die ersten 7 Kilometer ist das Gelände eben und sehr leicht und man hat einen herrlichen Blick über die beiden Bergseen links des Pfades in den Styggedalsbotn hoch und natürlich zurück zur Snøhetta.
Der Vormittag begann bewölkt, doch windstill, und die Sonne wurder stärker und stärker und heizte bald einen großen Teil der Wolken weg. Als wir ca. 1 Kilometer vor dem Zusammenfluß der Stropla und der Kaldvella einen Moränenrücken überqueren mußten und uns umschauten, stockte uns fast der Atem: die Snøhetta lag da in der Sonne, eingehüllt von einem feinen Wolkenschleier, der im Auflösen begriffen
war . Zum ersten Mal sahen wir den Gipfel wolkenfrei. Typisch daß wir jetzt, wo das Wetter so gut wurde, zurück mußten.
Wir schauten uns immer wieder um, bewunderten die Snøhetta
und wünschten, daß dies der Tag der Besteigung wäre. ( zeigt eine kurze Rast). Die Kaldvella überquerten wir auf einer Sommerbrücke, und kurz vor der Hestgjeterhytta trafen wir einen Grönland-Dänen. Wir fragten ihn, ob er Moschusochsen gesehen hatte, doch das hatte er leider nicht (er fand das nicht
weiter schade, denn er hätte sie zu Hause zu Scharen im Garten, wie er sagte). Wir hatten das nicht, und wollten natürlich gern welche sehen. Wenige Schritte weiter, über die Anhöhe, stand er da, ein großer kapitaler Bursche mit hellem Rücken. Er sah uns im gleichen Augenblick und wollte offensichtlich kein Fotomodell sein, denn er sah zu, daß er ruhig, aber erstaunlich schnell Abstand gewann. Einige Minuten lang gingen wir parallel mit dem Tier, wir auf dem Weg, er am Hang, bis wir ihn aus den Augen verloren.
Wenige hundert Meter nachdem wir die Hestgjeterhütte passiert hatten, bogen wir rechts in Richtung Fluß ab. Es führt ein oft etwas undeutlicher, nicht markierter Pfad schräg zum Fluß hinunter und und rund 3 Kilometer an ihm entlang, bis man über eine Brücke wieder den markierten Wanderweg nach Grønbakken erreicht. Einen guten Kilometer vor der Brücke fanden wir traumhafte Zeltplätze und rasteten einige Minuten in der Sonne an einem kleinen
Wasserfall .
In den drei Tagen, in denen wir hier gewesen waren, hatten die ersten Nachtfröste die Birkenblätter von grün in gelb verwandelt, und die Landschaft stand im Herbstkleid
da .
Eine halbe Stunde nachdem wir die Kaldvella überquert hatten waren wir wieder beim Auto angelangt.
Auf der Heimfahrt hielten wir wenig später noch einmal an, um dem Svånåtind
und der Schnøhetta ein letztes Mal zuzuwinken
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