GRAVDALSTINDEN - 2113 METER

Der Gravdalstinden ist ein isolierter Berg mit Abgründen nach Süden und Osten. Von mehreren Richtungen, u.a. Norden und Süden, sieht er richtig tollaus, wie ein ordentlicher
Berg. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, auf den Gravdalstinden zu gelangen, mit und ohne Gletscherwandern. Der Gipfel liegt aber etwas abseits von allen natürlichen Ausgangspunkten, so daß man zu Fuß schnell 6-8 Stunden hoch und runter braucht, wenn man nicht von Leirvassbu mit dem Fahrrad die alte Anlagenstraße im Gravdalen zum Damm fahren kann.
Bei guten Schneeverhältnissen kann man ausserdem nach der Öffnung der
Sognefjellstrasse ab Anfang Mai den Gravdalstinden per Ski von Krossbu
oder der Sognefjellshytta aus schneller besteigen (3-4
Stunden hoch, 1-2 Stunden runter).
Wir beschreiben drei verschiedene Aufstiegs-Alternativen:
Von Leirvassbu:
Man folgt der alten Wirtschaftsstraße das Gravdalen abwärts. (Im Spätsommer kann man hier Fahrrad fahren, früher liegt zu viel Schnee). Unten am Gravdalstjernet hält man sich entlang des Nordufers des Sees und schrägt nach und nach nordwestwärts den steilen Bergrücken zur Höhe 1895 m hinauf. Von hieraus folgt man der Bergseite westwärts und umrundet den Gipfel, so daß man von Osten aus hinaufkommt.
Von Skogadalsbøen:
Man folgt dem Wanderweg in Richtung Leirvassbu (JS40), und verläßt den Weg
einen guten Kilometer nachdem man die Store Utla auf der Brücke überquert hat
(ca. 8 km von Skogadalsbøen). Hier steigt man nordwärts
den Berghang hinauf, wo er am wenigsten steil ist. Nachdem man die westliche Gipfelschulter erreicht
hat, biegt man ostwärts und folgt dem Berg leicht in nordöstlicher Richtung auf den Gipfel hinauf.
Von Krossbu:
Obwohl man auch von Krossbu aus den Gipfel ohne Gletscherüberquerung erreichen kann, ist die Route über den Smørstabbreen von hier aus die
schönste und abwechlungsreichste Alternative. Im Frühling (nach Öffnung der
RV55) kann man diese Tour ausgezeichnet als Bergskitour machen.
Im Frühling folgt man ein Stück weit der markierten Loipe über den Leirbreen und ein Stück weit den Smørstabbreen hinein, bevor man die Markierung verläßt und süd- bis südostwärts in Richtung Gipfel geht.
Im Sommer folgt man dem Weg zum Eisfall des Bøverbreen und geht etwas weiter östlich, d.h. oberhalb des steilsten Stückes, auf den Gletscher.
Nachdem man den Gletscher überquert hat, steigt man in dem Einschnitt zwischen dem
Smørstabbtind SW (2045 m) und dem
Smørstabbtind S1 (2033 m) auf. Von hier aus folgt man dem Bergrücken südwärts, an dem
Smørstabbtind S2 (2015 m) vorbei und einem
steilen Schneehang hinauf zum Gipfel. Solide Stiefel und Eispickel/Steigeisen sind hier
vorteilhaft.
Alternativ zu Krossbu kann man auch von der Sognefjellshytta
starten.
Eigene Erlebnisse -
Nachtskitour im Juni (in der Nacht zum 02.06.2003, von Morten)
Zusammen mit Ole Morten Fossli fuhr ich am Sonntag
abend gegen 21.00. Uhr von Skrautvål in Richtung Sognefjell. Während
andere vor einer neuen Arbeitswoche ins Bett gingen, parkten wir am
Fantesteinen, dem höchsten Punkt der Sognefjellstrasse auf 1434 m Höhe.
Nach einer kurzen Umpack- und Umziehaktion waren wir bereit, die relativ
freundliche Steigung zum Smørstabbreen in Angriff zu nehmen. Aufgrund
der Warnungen, die diesen Frühling wegen extrem wenig Schnee für die
Gletscher in u.a. Jotunheimen herausgegeben worden waren, gingen wir
rechts des Gletschers. Trotz einer Jotunheimen einwärts ziehenden
Wolkendecke war die Stimmung herrlich, nicht besonders kalt, windstill
und fast taghell, obwohl es mittlerweile gegen halb ein Uhr nachts war.
Und die Schneehühner auf den schneefreien Flecken und Hügeln kurrten
einander in der hellen Sommernacht an.
Anmarsch und Aufstieg
Ich hatte versucht, auf der Karte eine Route ohne zuviel auf und ab
zum Falkberget auszusuchen, aber ohne Erfolg. Das Gelände um die Rundhaugane
war nämlich - ja genau - von runden Hügeln und Anhöhen geprägt, und
es ist schier unmöglich, hier eine Route hindurch zu finden, die eine
gleichmässige Steigung aufweist. So gesehen ist der Anmarsch von
Krossbu aus viel einfacher. Man startet zwar weiter unten und hat
dementsprechend mehr Höhenmeter zu überwinden, spart sich aber diesen
"Auf- und Ab-Unsinn", bevor der eigentliche Aufstieg beginnt.
Wir passierten den Falkeberg linker Hand und kamen in eine kleine
Talsenke. Linker Hand lagen eine Reihe Moränehügel und eine breite
Senke, die sich links zur Gletscherkante hinaufzog. Diese muss noch vor
nicht allzulanger Zeit gletschergefüllt gewesen sein.
Der Schnee war schön fest und tragend, obwohl wohl kaum Kältegrade
herrschten, und wir gingen in gleichmässigem Tempo bergan zur Höhe
1834. Direkt vor uns erhob sich ein markanter, schneebedeckter Hügel.
Optimistisches Wunschdenken, dass es sich hierbei bereits um den
südwestlichen Smørstabbtind handeln könnte, wurde schnell von der
Realität verjagt: es war der 1927 m hohe Berg weiter nordwestlich, den
wir vor uns hatten. Wir gingen weiter über die ungebrochene, ebene
Gletscheroberfläche in die Senke zwischen den südlichen Smørstabbtindane.
Rechts erhob sich der Südwestgipfel
(2045 m), und gerade vor uns lag der Grat, der zum Südostgipfel
(2030 m) führte. Es gab nur wenige Spuren auf dem Gletscher.
Vielleicht war das auf die Gletscherwarnungen oder die fortgeschrittene
Bergskisaison zurückzuführen, aber angesichts des traumhaften
Wochenendes, das hinter uns lag, wirkte es verwunderlich. Zwei Skispuren
im Einschnitt zuoberst auf dem Gletscher war alles, was wir sahen.
Smørstabbtind S1
Um 04.00 Uhr morgens war es kühl, und es blies ein frischer,
intensiver Wind. Der Himmel war gleichmässig bewölkt, und es war ganz
offensichtlich, dass wir den erhofften Sonnenuntergang nicht bekommen
würden. Doch es gab keine Zeit für enttäuschte Mienen - hier wollten
Bergen bestiegen werden. Die Skier wurden abgeschnallt, bevor wir mit
weniger graziösen Bewegungen den Westrücken zum Smørstabbtinden
S1 (2033 m) bestiegen. Mit den Skiern und
Stöcken in den Händen war es eine Herausforderung, den steinigen
Bergrücken zu erklimmen, und Unvorsichtigkeit war verboten - ein
Gleichgewichtsverlust hätte hier im schlimmsten Fall rund 1000 Meter
weiter unten im Utledalen enden können. Kein Wunschgedanke, und die
Skier wurden mit eisernem Griff gehalten.
Gravdalstind und Smørstabbtind S2
Vom Gipfel des Smørstabbtinds S1 gab es einen kleinen, nicht sehr
steilen Hang hinunter in den Einschnitt zum Gravdalstind. Von hier aus
wirkte der Berg richtig majestätisch, mit seinem Schneeüberhang über
der steil abfallenden Ostwand und dem flacheren Schneehang auf der
anderen Seite fast wie ein spiegelverkehrter Glittertind. Rechts
unterhalb von wo wir standen, gab es eine imponierende, enorme
windgeschaffene Senke am Fusse des 2015 m hohen Vorgipfels (Smørstabbtinden
S2). Wir gingen am Vorgipfel vorbei und machten im Sattel
vor der letzten Steigung zum Gravdalstind eine Pause. Von hier aus hatte
man eine fantastische Aussicht zum Styggedals- und Skagastølsrücken.
Die beiden Skispuren, die wir früher gesehen hatten, führten auch zum
Gravdalstind hinauf, jedoch entlang der normalen Route schräg bergan
über den Gletscher und dann in einer 180 Grad-Kurve auf den
Gipfelrücken. Wir wählten eine andere Route, nämlich direkt aus dem
Sattel auf dem ziemlich scharfen Schneegrat hinauf. Während Ole Morten
die Steigeisen anlegte, unternahm ich einen kleinen Abstecher auf den
Smørstabbtind S2. Mit dem Eispickel als Stock und der anderen Hand an
der Aussenseite des Schneekamms stiegen wir auf der linken Seite des
Grates auf - eine etwas anspruchsvollere und spannenedere Variante. Das
letzte Stück auf der weniger steilen Westflanke hinauf zum Gipfel ging
schnell, und bald standen wir an der Gipfelwarte des Gravdalstinds mit
dem Gravdalen weit, weit unter uns. Ich habe oft daran gedacht, den
Gravdalstind vom Gravdalen aus zu besteigen, doch statt dessen geschah
es nun von der Sognefjellseite aus.
Die Aussicht von hier oben war besonders in Richtung Hurrungane und zum
Falketind
/ Stølsnostind
mit dem tiefen Utladalen dazwischen einzigartig, aber auch über weite
Teile des übrigens Jotunheimens und natürlich über Breheimen mit dem Jostedalsbreen.
Um den Aufstieg über den Schneekamm leichter zu machen, hatte ich
meinen Rucksack unten im Sattel gelassen, was ich jetzt bereute, denn
dort drin war die Kamera. Ein paar bleiche Sonnenstrahlen kämpften sich
nämlich durch den Dies im Nordosten, und for allem Hurrungane sah in
diesem Licht sehr schöna aus. Ausserdem war die dichtgeschneite
Gipfelwarte mit dem Schneeüberhang im Hintergrund ein schönes
Motiv.
Wir blieben eine Weile stehen, um die Aussicht und den frühen Morgen zu
geniessen und Gipfel auszumachen, bevor wir uns an den Abstieg machten.
Spannende Gletscherpassage
Zurück unten im Sattel angekommen, diskutierten wir die weiteren,
noch anstehenden Besteigungen. Der Grat zwischen den übrigen Smørstabbtindene
an dieser Seite des Gletschers sah scharf aus und hatte einen unangenehm
steilen Schneehang in Richtung des Gletschers an der Ostseite des
Gravdalstinds. Hier mit den Skiern in den Händen entlangzugehen, sah
wenig einladend aus (Unsere Rucksäcke hatten
leider keine Festungsmöglichkeiten für Skier). Trotz
Andeutung einiger Spalten sah der Gletscher im Südosthang unter dem
Smørstabbtind S1 und hinauf zum Einschnitt zwischen dem Südostgipfel
(2030 m) und dem S1 (2033 m) (meiner Meinung
nach ist der Name Südostgipfel missweisend, denn er liegt in dieser
Gipfelgruppe am weitesten nordöstlich, doch der Name bezieht sich wohl
auf die Lage des Gipfels im Verhältnis zum Store Smørstabbtind ganz am
Nordende des in zwei Gruppen geteilten Bergmassivs der Smørstabbtindene)
verhältnismässig gut begehbar aus. Ole
Morten wollte direkt zurück in den Einschnitt zum Südwestgipfel gehen
und dort auf mich warten, und so fuhr ich alleine nordostwärts auf dem
Gletscher hinunter. Sehr vorsichtig und mit vollem Einsatz der
Stahlkanten, denn ein Fall hier auf dem eisharten Schnee würde mit
einer ungemütlichen Rutschpartie enden. Ich passierte einen offenen
Bergschrund an dessen Oberseite und versuchte krampfhaft, nach vorn und
nicht nach unten in das schwarze Loch zu schauen. Dies funktionierte,
und bald ging es zügig bergan zudem besagten südlich des
Südostgipfels. Ich kam sogar auf die Idee, ein paar Fotos zu machen und
vermied dabei mit grosser Vorsicht, Teile meiner Besitztümer auf eine
lange Rutschpartie den Gletscher hinunter zu schicken. Heil im
Einschnitt angekommen, kam zu meiner Überraschung ein mit grünlichem
Schmelzwasser gefülltes Becken in Sicht.
Smørstabbtind SØ (Südostgipfel)
Skier und Rucksack wurden im Sattel abgesetzt, und ich machte mich
auf den Weg hinauf zum Smørstabbtind SØ. Der Grat zum Gipfel war
leicht zu gehen. Auf ihm gab es zwei kleine Gipfelpunkte, die durch
einen Einschnitt von 4-5 Metern getrennt waren. Das letzte Stück war
ziemlich schmal. Beide Gipfelpunkte wirkten gleich hoch, und ich
ging auf beide.
Als wir zuvor auf dem S1 (2033 m) gewesen waren, hatten wir uns
entscheiden, nicht mit den Skiern in den Händen dem Grad nordwärts zum
SØ-Gipfel zu folgen, weshalb ich wie oben beschrieben unten auf dem
Geltscher gegangen war. Vom SØ-Gipfel sah man nun jedoch, dass dieser
Grat zwei Gipfelpunkte mit einem scharfen Schneekamm hat, von denen der
eine so aussah, als könnte er 10 m Schartenhöhe haben. Deshalb wollte
ich nun doch noch hin. (Anm. der Übersetzung:
viele 2000er-Sammler in Norwegen richten sich nach der Liste von Røyne,
die mit Gipfeln ab 10 m Schartenhöhe operiert, allerdings nicht ganz
vollständig ist. Es gibt einige Bergsteiger, die dabei sind, diese zu
vervollständigen. Morten gehört nicht zu denen, die mit
Lasermessgerät auf alle Hügelchen, die unter Zweifel 10 m
Schartenhöhe haben könnten, hinaufspringt, aber wenn er in einem
Massiv "aufräumt", nimmt er gern alles mit, was evtl. aktuell
sein könnte, damit er nicht später, falls der Gipfel in die Liste
aufgenommen wird, nochmal hinmuss.) Ich versuchte, mich jetzt
von der anderen Kante (Nordosten) zu
nähern. Der Schneekamm wurde nach und nach sehr schmal, und ich kehrte
auf dem ersten Gipfelpunkt um. Den anderen Gipfelpunkt erreichte ich
ohne Schwierigkeiten auf dem Rückweg zu Ole Morten von der Westseite (ein
Einschnitt weiter südlich) aus.
Smørstabbtind SV (Südwestgipfel)
Im Sattel zwischen S1 und Südwestgipfel traf ich Ole Morten wieder, und
gemeinsam bestiegen wir den letzten noch übrigen Gipfel dieser Tour,
den Smørstabbtinden
SV (2045 m) (im gleichen Sinne
missverständlicher Name wie weiter oben under dem Südostgipfel
erwähnt). Es war erst 08.00 Uhr, aber die Sonne wärmte
bereits ordentlich, und der Schnee zum Gipfel hin begann bereits, unter
meinem Gewicht nachzugeben. Dumm, dass ich meine Gamaschen vergessen
hatte. Kalten Knöcheln und nassen Füssen zum Trotz - der letzte
südliche Smørstabbtind wurde erobert, und damit das letzte Ziel des
Tages (bzw. der Nacht) erreicht.
Rückweg
Auf dem Rückweg geltscherabwärts bekamen wir eine Traumabfahrt,
schwingten aber bereits auf rund 1800 m vom Gletscher, obwohl dieser
sich einladend noch ein Stück abwärts erstreckte. Wir wollten jedoch
kein Risiko eingehen und folgten in etwa der gleichen Route wie beim
Aufstieg, um etwaige ungemütliche Überraschungen mit steilen
Eiswänden oder Spaltenfeldern weiter unten zu umgehen.
Sobald wir vom Gletscher runter waren, wurde der Schnee sofort viel
anspruchsvoller zu befahren, und je weiter abwärts wir kamen, desto
häufiger brachen wir durch. Ole
Morten war ein wenig wagemutiger als ich und hatte entsprechend mehr
Stürze und unfreiwillige Schwimmzüge im weichen Schnee. Aber wir kamen
beide heil unten an. Am Schluss des Hanges machten wir eine Pause auf
einem baren Fleck. Es war richtig warm! Eine Schneeammer kam uns
besuchen und liess sich auf einem Stein 3 Meter entfernt nieder, um uns
ein Liedchen zu singen.
Die letzten 3 km durch das Hügelland wurden zum
Anti-Höhepunkt der Tour. Der Schnee war weich und unzuverlässig, die
Sonne und Wärme intensiv, und wir waren erschöpft. Doch obwohl das
letzte Stück lange dauerte, kamen wir zum Schluss am Auto an.
Wir setzten uns am Strassenrand in die Sonne, zogen die nassgeschwitzen
Sachen aus und genossen die wärmenden und trocknenden Sonnenstrahlen
mit dem Fanaråken und Hurrungane als Kulisse.
Wie immer nach einer Nachttour wurde die Heimfahrt ein
Kampf gegen den Drang des Körpers, die Augen zu schliessen und endlich
zu schlafen.
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