GRAVDALSTINDEN - 2113 METER

KARTE GALDHØPIGGEN BLATT 1518 II
KARTENREFERENZ MP531 213
ERSTBESTEIGUNG ?
SCHWIERIGKEITSGRAD MITTELSCHWER
KOMMUNE LOM / LUSTER

Der Gravdalstinden ist ein isolierter Berg mit Abgründen nach Süden und Osten. Von mehreren Richtungen, u.a. Norden und Süden, sieht er richtig tollaus, wie ein ordentlicher Berg. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, auf den Gravdalstinden zu gelangen, mit und ohne Gletscherwandern. Der Gipfel liegt aber etwas abseits von allen natürlichen Ausgangspunkten, so daß man zu Fuß schnell 6-8 Stunden hoch und runter braucht, wenn man nicht von Leirvassbu mit dem Fahrrad die alte Anlagenstraße im Gravdalen zum Damm fahren kann. Bei guten Schneeverhältnissen kann man ausserdem nach der Öffnung der Sognefjellstrasse ab Anfang Mai den Gravdalstinden per Ski von Krossbu oder der Sognefjellshytta aus schneller besteigen (3-4 Stunden hoch, 1-2 Stunden runter).

Wir beschreiben drei verschiedene Aufstiegs-Alternativen: 

Von Leirvassbu:
Man folgt der alten Wirtschaftsstraße das Gravdalen abwärts. (Im Spätsommer kann man hier Fahrrad fahren, früher liegt zu viel Schnee). Unten am Gravdalstjernet hält man sich entlang des Nordufers des Sees und schrägt nach und nach nordwestwärts den steilen Bergrücken zur Höhe 1895 m hinauf. Von hieraus folgt man der Bergseite westwärts und umrundet den Gipfel, so daß man von Osten aus hinaufkommt. 

Von Skogadalsbøen:
Man folgt dem Wanderweg in Richtung Leirvassbu (JS40), und verläßt den Weg einen guten Kilometer nachdem man die Store Utla auf der Brücke überquert hat (ca. 8 km von Skogadalsbøen). Hier steigt man nordwärts den Berghang hinauf, wo er am wenigsten steil ist. Nachdem man die westliche Gipfelschulter erreicht hat, biegt man ostwärts und folgt dem Berg leicht in nordöstlicher Richtung auf den Gipfel hinauf. 

Von Krossbu:
Obwohl man auch von Krossbu aus den Gipfel ohne Gletscherüberquerung erreichen kann, ist die Route über den Smørstabbreen von hier aus die schönste und abwechlungsreichste Alternative. Im Frühling (nach Öffnung der RV55) kann man diese Tour ausgezeichnet als Bergskitour machen. 
Im Frühling folgt man ein Stück weit der markierten Loipe über den Leirbreen und ein Stück weit den Smørstabbreen hinein, bevor man die Markierung verläßt und süd- bis südostwärts in Richtung Gipfel geht.
Im Sommer folgt man dem Weg zum Eisfall des Bøverbreen und geht etwas weiter östlich, d.h. oberhalb des steilsten Stückes, auf den Gletscher. Nachdem man den Gletscher überquert hat, steigt man in dem Einschnitt zwischen dem Smørstabbtind SW (2045 m) und dem Smørstabbtind S1 (2033 m) auf. Von hier aus folgt man dem Bergrücken südwärts, an dem Smørstabbtind S2 (2015 m) vorbei und einem steilen Schneehang hinauf zum Gipfel. Solide Stiefel und Eispickel/Steigeisen sind hier vorteilhaft.

Alternativ zu Krossbu kann man auch von der Sognefjellshytta starten.


Eigene Erlebnisse - Nachtskitour im Juni (in der Nacht zum 02.06.2003, von Morten)

Zusammen mit Ole Morten Fossli fuhr ich am Sonntag abend gegen 21.00. Uhr von Skrautvål in Richtung Sognefjell. Während andere vor einer neuen Arbeitswoche ins Bett gingen, parkten wir am Fantesteinen, dem höchsten Punkt der Sognefjellstrasse auf 1434 m Höhe.
Nach einer kurzen Umpack- und Umziehaktion waren wir bereit, die relativ freundliche Steigung zum Smørstabbreen in Angriff zu nehmen. Aufgrund der Warnungen, die diesen Frühling wegen extrem wenig Schnee für die Gletscher in u.a. Jotunheimen herausgegeben worden waren, gingen wir rechts des Gletschers. Trotz einer Jotunheimen einwärts ziehenden Wolkendecke war die Stimmung herrlich, nicht besonders kalt, windstill und fast taghell, obwohl es mittlerweile gegen halb ein Uhr nachts war. Und die Schneehühner auf den schneefreien Flecken und Hügeln kurrten einander in der hellen Sommernacht an.

Anmarsch und Aufstieg
Ich hatte versucht, auf der Karte eine Route ohne zuviel auf und ab zum Falkberget auszusuchen, aber ohne Erfolg. Das Gelände um die Rundhaugane war nämlich - ja genau - von runden Hügeln und Anhöhen geprägt, und es ist schier unmöglich, hier eine Route hindurch zu finden, die eine gleichmässige Steigung aufweist. So gesehen ist der Anmarsch von Krossbu aus viel einfacher. Man startet zwar weiter unten und hat dementsprechend mehr Höhenmeter zu überwinden, spart sich aber diesen "Auf- und Ab-Unsinn", bevor der eigentliche Aufstieg beginnt. Wir passierten den Falkeberg linker Hand und kamen in eine kleine Talsenke. Linker Hand lagen eine Reihe Moränehügel und eine breite Senke, die sich links zur Gletscherkante hinaufzog. Diese muss noch vor nicht allzulanger Zeit gletschergefüllt gewesen sein. 
Der Schnee war schön fest und tragend, obwohl wohl kaum Kältegrade herrschten, und wir gingen in gleichmässigem Tempo bergan zur Höhe 1834. Direkt vor uns erhob sich ein markanter, schneebedeckter Hügel. Optimistisches Wunschdenken, dass es sich hierbei bereits um den südwestlichen Smørstabbtind handeln könnte, wurde schnell von der Realität verjagt: es war der 1927 m hohe Berg weiter nordwestlich, den wir vor uns hatten. Wir gingen weiter über die ungebrochene, ebene Gletscheroberfläche in die Senke zwischen den südlichen Smørstabbtindane. Rechts erhob sich der Südwestgipfel (2045 m), und gerade vor uns lag der Grat, der zum Südostgipfel (2030 m) führte. Es gab nur wenige Spuren auf dem Gletscher. Vielleicht war das auf die Gletscherwarnungen oder die fortgeschrittene Bergskisaison zurückzuführen, aber angesichts des traumhaften Wochenendes, das hinter uns lag, wirkte es verwunderlich. Zwei Skispuren im Einschnitt zuoberst auf dem Gletscher war alles, was wir sahen. 

Smørstabbtind S1
Um 04.00 Uhr morgens war es kühl, und es blies ein frischer, intensiver Wind. Der Himmel war gleichmässig bewölkt, und es war ganz offensichtlich, dass wir den erhofften Sonnenuntergang nicht bekommen würden. Doch es gab keine Zeit für enttäuschte Mienen - hier wollten Bergen bestiegen werden. Die Skier wurden abgeschnallt, bevor wir mit weniger graziösen Bewegungen den Westrücken zum Smørstabbtinden S1 (2033 m) bestiegen. Mit den Skiern und Stöcken in den Händen war es eine Herausforderung, den steinigen Bergrücken zu erklimmen, und Unvorsichtigkeit war verboten - ein Gleichgewichtsverlust hätte hier im schlimmsten Fall rund 1000 Meter weiter unten im Utledalen enden können. Kein Wunschgedanke, und die Skier wurden mit eisernem Griff gehalten.

Gravdalstind und Smørstabbtind S2
Vom Gipfel des Smørstabbtinds S1 gab es einen kleinen, nicht sehr steilen Hang hinunter in den Einschnitt zum Gravdalstind. Von hier aus wirkte der Berg richtig majestätisch, mit seinem Schneeüberhang über der steil abfallenden Ostwand und dem flacheren Schneehang auf der anderen Seite fast wie ein spiegelverkehrter Glittertind. Rechts unterhalb von wo wir standen, gab es eine imponierende, enorme windgeschaffene Senke am Fusse des 2015 m hohen Vorgipfels (Smørstabbtinden S2). Wir gingen am Vorgipfel vorbei und machten im Sattel vor der letzten Steigung zum Gravdalstind eine Pause. Von hier aus hatte man eine fantastische Aussicht zum Styggedals- und Skagastølsrücken. Die beiden Skispuren, die wir früher gesehen hatten, führten auch zum Gravdalstind hinauf, jedoch entlang der normalen Route schräg bergan über den Gletscher und dann in einer 180 Grad-Kurve auf den Gipfelrücken. Wir wählten eine andere Route, nämlich direkt aus dem Sattel auf dem ziemlich scharfen Schneegrat hinauf. Während Ole Morten die Steigeisen anlegte, unternahm ich einen kleinen Abstecher auf den Smørstabbtind S2. Mit dem Eispickel als Stock und der anderen Hand an der Aussenseite des Schneekamms stiegen wir auf der linken Seite des Grates auf - eine etwas anspruchsvollere und spannenedere Variante. Das letzte Stück auf der weniger steilen Westflanke hinauf zum Gipfel ging schnell, und bald standen wir an der Gipfelwarte des Gravdalstinds mit dem Gravdalen weit, weit unter uns. Ich habe oft daran gedacht, den Gravdalstind vom Gravdalen aus zu besteigen, doch statt dessen geschah es nun von der Sognefjellseite aus. 
Die Aussicht von hier oben war besonders in Richtung Hurrungane und zum Falketind / Stølsnostind mit dem tiefen Utladalen dazwischen einzigartig, aber auch über weite Teile des übrigens Jotunheimens und natürlich über Breheimen mit dem Jostedalsbreen. Um den Aufstieg über den Schneekamm leichter zu machen, hatte ich meinen Rucksack unten im Sattel gelassen, was ich jetzt bereute, denn dort drin war die Kamera. Ein paar bleiche Sonnenstrahlen kämpften sich nämlich durch den Dies im Nordosten, und for allem Hurrungane sah in diesem Licht sehr schöna aus. Ausserdem war die dichtgeschneite Gipfelwarte mit dem Schneeüberhang im Hintergrund ein schönes Motiv. 
Wir blieben eine Weile stehen, um die Aussicht und den frühen Morgen zu geniessen und Gipfel auszumachen, bevor wir uns an den Abstieg machten.

Spannende Gletscherpassage
Zurück unten im Sattel angekommen, diskutierten wir die weiteren, noch anstehenden Besteigungen. Der Grat zwischen den übrigen Smørstabbtindene an dieser Seite des Gletschers sah scharf aus und hatte einen unangenehm steilen Schneehang in Richtung des Gletschers an der Ostseite des Gravdalstinds. Hier mit den Skiern in den Händen entlangzugehen, sah wenig einladend aus (Unsere Rucksäcke hatten leider keine Festungsmöglichkeiten für Skier). Trotz Andeutung einiger Spalten sah der Gletscher im Südosthang unter dem Smørstabbtind S1 und hinauf zum Einschnitt zwischen dem Südostgipfel (2030 m) und dem S1 (2033 m) (meiner Meinung nach ist der Name Südostgipfel missweisend, denn er liegt in dieser Gipfelgruppe am weitesten nordöstlich, doch der Name bezieht sich wohl auf die Lage des Gipfels im Verhältnis zum Store Smørstabbtind ganz am Nordende des in zwei Gruppen geteilten Bergmassivs der Smørstabbtindene) verhältnismässig gut begehbar aus. Ole Morten wollte direkt zurück in den Einschnitt zum Südwestgipfel gehen und dort auf mich warten, und so fuhr ich alleine nordostwärts auf dem Gletscher hinunter. Sehr vorsichtig und mit vollem Einsatz der Stahlkanten, denn ein Fall hier auf dem eisharten Schnee würde mit einer ungemütlichen Rutschpartie enden. Ich passierte einen offenen Bergschrund an dessen Oberseite und versuchte krampfhaft, nach vorn und nicht nach unten in das schwarze Loch zu schauen. Dies funktionierte, und bald ging es zügig bergan zudem besagten südlich des Südostgipfels. Ich kam sogar auf die Idee, ein paar Fotos zu machen und vermied dabei mit grosser Vorsicht, Teile meiner Besitztümer auf eine lange Rutschpartie den Gletscher hinunter zu schicken. Heil im Einschnitt angekommen, kam zu meiner Überraschung ein mit grünlichem Schmelzwasser gefülltes Becken in Sicht. 

Smørstabbtind SØ (Südostgipfel)
Skier und Rucksack wurden im Sattel abgesetzt, und ich machte mich auf den Weg hinauf zum Smørstabbtind SØ. Der Grat zum Gipfel war leicht zu gehen. Auf ihm gab es zwei kleine Gipfelpunkte, die durch einen Einschnitt von 4-5 Metern getrennt waren. Das letzte Stück war ziemlich schmal.  Beide Gipfelpunkte wirkten gleich hoch, und ich ging auf beide. 
Als wir zuvor auf dem S1 (2033 m) gewesen waren, hatten wir uns entscheiden, nicht mit den Skiern in den Händen dem Grad nordwärts zum SØ-Gipfel zu folgen, weshalb ich wie oben beschrieben unten auf dem Geltscher gegangen war. Vom SØ-Gipfel sah man nun jedoch, dass dieser Grat zwei Gipfelpunkte mit einem scharfen Schneekamm hat, von denen der eine so aussah, als könnte er 10 m Schartenhöhe haben. Deshalb wollte ich nun doch noch hin. (Anm. der Übersetzung: viele 2000er-Sammler in Norwegen richten sich nach der Liste von Røyne, die mit Gipfeln ab 10 m Schartenhöhe operiert, allerdings nicht ganz vollständig ist. Es gibt einige Bergsteiger, die dabei sind, diese zu vervollständigen. Morten gehört nicht zu denen, die mit Lasermessgerät auf alle Hügelchen, die unter Zweifel 10 m Schartenhöhe haben könnten, hinaufspringt, aber wenn er in einem Massiv "aufräumt", nimmt er gern alles mit, was evtl. aktuell sein könnte, damit er nicht später, falls der Gipfel in die Liste aufgenommen wird, nochmal hinmuss.) Ich versuchte, mich jetzt von der anderen Kante (Nordosten) zu nähern. Der Schneekamm wurde nach und nach sehr schmal, und ich kehrte auf dem ersten Gipfelpunkt um. Den anderen Gipfelpunkt erreichte ich ohne Schwierigkeiten auf dem Rückweg zu Ole Morten von der Westseite (ein Einschnitt weiter südlich) aus. 

Smørstabbtind SV (Südwestgipfel)
Im Sattel zwischen S1 und Südwestgipfel traf ich Ole Morten wieder, und gemeinsam bestiegen wir den letzten noch übrigen Gipfel dieser Tour, den Smørstabbtinden SV (2045 m) (im gleichen Sinne missverständlicher Name wie weiter oben under dem Südostgipfel erwähnt). Es war erst 08.00 Uhr, aber die Sonne wärmte bereits ordentlich, und der Schnee zum Gipfel hin begann bereits, unter meinem Gewicht nachzugeben. Dumm, dass ich meine Gamaschen vergessen hatte. Kalten Knöcheln und nassen Füssen zum Trotz - der letzte südliche Smørstabbtind wurde erobert, und damit das letzte Ziel des Tages (bzw. der Nacht) erreicht. 

Rückweg
Auf dem Rückweg geltscherabwärts bekamen wir eine Traumabfahrt, schwingten aber bereits auf rund 1800 m vom Gletscher, obwohl dieser sich einladend noch ein Stück abwärts erstreckte. Wir wollten jedoch kein Risiko eingehen und folgten in etwa der gleichen Route wie beim Aufstieg, um etwaige ungemütliche Überraschungen mit steilen Eiswänden oder Spaltenfeldern weiter unten zu umgehen. 
Sobald wir vom Gletscher runter waren, wurde der Schnee sofort viel anspruchsvoller zu befahren, und je weiter abwärts wir kamen, desto häufiger brachen wir durch. Ole Morten war ein wenig wagemutiger als ich und hatte entsprechend mehr Stürze und unfreiwillige Schwimmzüge im weichen Schnee. Aber wir kamen beide heil unten an. Am Schluss des Hanges machten wir eine Pause auf einem baren Fleck. Es war richtig warm! Eine Schneeammer kam uns besuchen und liess sich auf einem Stein 3 Meter entfernt nieder, um uns ein Liedchen zu singen. 

Die letzten 3 km durch das Hügelland wurden zum Anti-Höhepunkt der Tour. Der Schnee war weich und unzuverlässig, die Sonne und Wärme intensiv, und wir waren erschöpft. Doch obwohl das letzte Stück lange dauerte, kamen wir zum Schluss am Auto an. 
Wir setzten uns am Strassenrand in die Sonne, zogen die nassgeschwitzen Sachen aus und genossen die wärmenden und trocknenden Sonnenstrahlen mit dem Fanaråken und Hurrungane als Kulisse.

Wie immer nach einer Nachttour wurde die Heimfahrt ein Kampf gegen den Drang des Körpers, die Augen zu schliessen und endlich zu schlafen.