Austerdalsbreen

"The finest ice scenery in Europe" lautet das
berühmte Zitat W.C.
Slingsbys, als dieser das oben abgebildete Panorama zum ersten Mal
sah.
Der Austerdalsbreen sieht eigentlich aus der Luft am bemerkenswertesten aus,
denn ein ganz charakteristisches "Krebsschwanzmuster" aus dunkleren
und helleren Querstreifen zieht sich die gesamte Gletscherzunge hinab. Dazu
kommt die ausgeprägte Mittelmoräne. Beides zusammen gibt dem Austerdalsbreen
ein unverwechselbares Gesicht.
Diese bogenförmigen Querstreifen werden in der Fachsprache Ogivar
genannt. Die Rundung der Bögen zeigt nach unten, d.h. zur Gletscherzunge hin,
und entsteht, weil der Gletscher an den Seiten etwas hängenbleibt und die
Mittelpartien schneller talwärts fließen. Die Streifen
an sich werden durch den Wechsel der Jahreszeiten gebildet: im Sommer werden dem
Austerdalsbreen staubigere und schmutzigere Eismengen zugeführt als im Winter,
wo das Eis schneeweiß ist. Man könnte sie also auch als Jahresringe des
Gletschers bezeichnen. Die Ogivar des Austerdaslsbreen gelten weltweit
als am besten ausgeprägt, und allen Glaziologen ist diese Gletscherzunge weit
innen in dem herrlichen Tal im inneren Sogn ein Begriff.
Die ebenfalls stark ausgeprägte Mittelmoräne entsteht durch den Zusammenfluß
der beiden Eisfälle Odins- und Torsbreen am oberen Ende des Austerdalsbreen.
Sie besteht aus den Massen der beiden Seitenmoränen, die hier von den Gletscherarmen
zusammengeführt werden, und die oben auf dem Eis liegenbleiben (die
Moräne ist also ein "Oberflächenphänomen").
Zur Zeit ist der "zebragestreifte" Austerdalsbreen etwa 3 km lang.
Gegen Ende der kleinen Eiszeit um 1750 waren seine Ausmaße rund das Doppelte. Während
seines Rückzuges hat er die Sanderflächen des Austerdalens und eine Reihe
kleinerer, quer zum Tal verlaufender Endmoränen hinterlassen.
Heute ist der Austerdalsbreen wieder auf dem Vormarsch. Das zeigt die deutlich
gehobene Mittelpartie und die mindestens 20 m hohe Frontwand, die mit
gnadenloser Gewalt Steinblöcke und Geröll vor sich herwalzt - ein äußerst
abenteuerlicher Anblick und ein Phänomen, das sich zur Zeit in Norwegen bei
keinem anderen Gletscher so gut beobachten läßt wie hier.
Die Erstbegehung des Austerdalsbreen:
Die Geschichte der "Entdeckung" des Austerdalsbreen ist einer der Klassiker der norwegischen Berggeschichte. Viele der Gletscherpassagen über den Jostedalsbreen wurden seit alters her als Verkehrsadern zwischen den Siedlungen auf der Ost- und Westseite des Gletschers benutzt. Im 19. Jahrhundert begannen
Gletscherforscher, immer größere Teile des Jostedalsbreen zu erforschen und zu kartieren, doch der Austerdalsbreen blieb bis zum Ende des 19. Jh. "unbekannt".
Unter denjenigen, die im 19. Jahrhundert den Jostedalsbreen wiederholt überquerten, sind zwei Personen herauszuheben. Der eine war der englische Fjellpionier
William Cecil
Slingsby, der u.a. den Store Skagastølstind erstbestieg und 1874 zum ersten Mal auf dem Jostedalsbreen unterwegs war, und der andere der Norweger Kristian Bing, einer der führenden norwegischen Gletscherpioniere, der zu Beginn der 1890iger Jahre mehrere Touren auf dem Jostedalsbreen unternahm.
1894 waren zufällig sowohl Slingsby als auch Bing zur gleichen Zeit auf dem Jostedalsbreen, und beide wollten den Austerdalsbreen erforschen, ohne voneinander zu wissen.
Kristian Bing und sein Gefährte Kristian Sygnesand starteten in Lunde in Jølster und überquerten den Gletscher in Richtung Austerdalsberget. Hier gelangten sie zu
der Anhöhe zuoberst auf dem Bergrücken, der sich vom Austerdalsbreen zwischen dem Odins- und dem Lokebreen bis hoch zum Geltscherplateau erstreckt.
Dort oben bauten sie eine Warte, deren oberster Stein aus
weißem Quartz war. Diese Warte wurde später Kvitsteinsvarden ("die Warte mit dem weissen
Stein") genannt, und eine der Routen, die heute quer über den Gletscher führen,
führt hier entlang (siehe B25).
Es war übrigens Bing, der den enormen Eisfällen ihre Namen gab. Der Arm, der am weitesten von der Kvitesteinsvarde lag, bekam aufgrund der in einem fort donnernden Eislawinen den Namen Torsbreen, weil sie Bing an Thors Hammer erinnerten
(siehe Nordische
Mythologie). Der zweite Gletscher mußte aufgrund der zwischen den Göttern herrschenden Rivalität natürlich Odinsbreen
heißen, und der dritte Lokebreen (nach Loki).
Die beiden übernachteten hier oben und machten sich am nächsten Morgen an den äußert schwierigen Abstieg über den genannten Felsrücken, den einzigen möglichen Weg hinunter auf den flachen Austerdalsbreen, über welchen sie
anschließend ins Tal und nach Veitastrond gelangten.
Am gleichen Morgen startete Slingsby zusammen mit seinem Neffen Cyril Todd und dem Norweger Mikkel Mundal von Nystølen in Veitastrond. Sie wanderten durch das Austerdalen zur Kante des Austerdalsbreen und starteten ihren Entdeckungszug gletscheraufwärts in den Bergkessel hinein zu den drei Eisfällen, die Bing am Vorabend benannt hatte.
(Die ausgeprägte Mittelmoräne war Schuld daran, daß
gleichzeitig eine Seilschaft gletscherab- und die anderen gletscheraufwärts
gingen, ohne einander zu bemerken). Der Anblick der drei fantastischen Gletscherarme begeisterte Slingsby
dermaßen, daß er sich zu der Bemerkung hinreißen ließ, dies sei "the finest
ice scenery in Europe".
Die drei begriffen, daß ein Aufstieg über die Eisfälle unmöglich war und der einzige Weg auf das Gletscherplateau über den Felsrücken zur Kvitesteinsvarde führte,
ohne zu wissen, daß Bing und Sygnesand sich zur gleichen Zeit auf dem Abstieg über den gleichen Rücken befanden, nur etwas näher zum Lokebreen hin.
Als Slingsby und seine Kameraten den obersten Punkt des Rückens erreichten, fanden sie die Kvitesteinsvarde und Spuren im Schnee. Slingsby meinte,
daß es sich um Bärenspuren handeln müsse, da nie im Leben hier Menschen gegangen sein könnten. Es hatte ja vor ihnen noch nie ein Mensch den Austerdalsbreen betreten, und der Gedanke
an Menschen hier oben lag ihnen weit ferner als der an einen Bären!
Slingsby, Todd und Mundal überquerten anschließend den Jostedalsbreen in
umgekehrter Richtung wie Bing tags zuvor.
Ein paar Tage später trafen Slingsby und Bing einander, und da
wurde das Rätsel der "Bärenspuren" aufgeklärt.
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