Neujahrsansprache Staatsminister Jens Stoltenbergs:
Ihr Lieben alle zusammen.
In Norwegen haben wir einen Zukunftsglauben, wie wenige andere Länder vorzeigen können: Im vergangenen Jahr wurden in Norwegen fast 60.000 Kinder geboren (Anmerkung: die Gesamtbevölkerung beträgt rund 4,5 Millionen). Nur wenige andere Dinge drücken den Zukunftsglauben so deutlich aus wie gerade dies.
Ich gratuliere allen, die im vergangenen Jahr Eltern geworden sind, und besonders den Müttern. In kaum einem anderen westlichen Land werden mehr Kinder geboren als in Norwegen. Und in kaum einem anderen Land lassen sich
mehr Frauen ausbilden und nehmen aktiv am Arbeitsleben teil als hier bei uns.
Ich weiß, daß es oft sehr anspruchsvoll und anstrengend ist, Arbeit, Familienleben und Zeit für die Kinder zu kombinieren. Besonders anstrengend ist es für die Frauen, die auch zu Hause das meiste der Arbeit erledigen. Die Gleichberechtigung ist hier zu kurz gekommen.
Trotzdem: Norwegische Frauen wählen selbst, mehr Kinder zu haben. Sie wählen bessere und umfassendere Ausbildung und am Arbeitsleben teilzunehmen. Diese Kombination ist einzigartig. Und sie sagt etwas über die Qualität unserer Gesellschaft.
Wenn wir den Zukunftsglauben behalten wollen, sind es meiner Meinung nach besonders zwei Dinge, die wichtig zu bewahren sind, und darüber möchte ich heute sprechen:
Der Wert zu schaffen.
Und der Wert zu teilen.
Diese beiden hängen nahe zusammen. Trotzdem erleben wir oft, daß sie auseinandergleiten; daß wir entweder nur damit beschäftigt sind, mehr zu produzieren, damit wir reicher werden, oder daß wir glauben, der Wohlstand wird immer dasein und daß es nur darum geht, einen Kuchen zu verteilen, der von allein größer wird.
Laßt mich mit der Fähigkeit etwas zu schaffen beginnen.
Die Geschichte zeigt uns Spanien, welches einst üppig von dem Gold lebte, welches es aus den lateinamerikanischen Kolonien holte. Doch als Spanien reich vom Gold wurde, lehnten sich die Spanier mehr zurück und wendeten den Blick in sich hinein. Dies war der Beginn einer langen Zeit des Abstiegs. Sie hörten auf, neue
Werte, neue Kultur und Kunst zu schaffen. Es sollte mehrere hundert Jahre dauern, bis dies wieder geradegebogen war.
Wenn wir den Fehler, den die Spanier machten, umgehen wollen, müssen wir weitermachen, große Werte zu schaffen - auch nachdem das Ölzeitalter seinen Höhepunkt erreicht hat. Nicht nur wirtschaftliche Werte, sondern auch Werte, die uns ein sichereres und inhaltsreicheres
Leben geben. Die Grundlage dafür legen wir heute.
Wir sind eine alte Nation, doch ein junger Staat. Laßt uns die Jugend behalten, während wir uns dem 100. Geburtstag der Selbsständigkeit Norwegens im Jahre 2005 nähern. Laßt uns beständig wagen, neue Wege zu gehen, neue Gedanken zu entwickeln und neue Grenzen zu sprengen, neue Kunst zu schaffen, neue Literatur, neue Architektur und neue Musik.
Wir wollen uns nicht zurücklehnen. Wir werden uns vorbeugen und immer daran denken, daß es das Wissen und die Arbeit der Menschen ist, die die Grundlage des Wohlstand bilden. Wir werden zu Neuschaffung und zur Etablierung ermuntern. Laßt uns alle willkommenheißen, die neue Betriebe innerhalb alter und neuer Branchen aufbauen. Diejenigen, die neue Ideen haben, begegnen wir oft mit Skepsis. Doch ohne neue Ideen kommen wir nicht weiter. Wir brauchen alle diejenigen, die mit eigener Kraft etwas Neues schaffen.
Wir müssen Wissen wertschätzen. Nicht zuletzt müssen wir diejenigen wertschätzen, die Wissen vermitteln und die Lehrstätten, wo das Wissen entwickelt wird. Schulen und Universitäten, doch auch Betriebe und Arbeitsplätze. Wir lernen unser ganzes Leben hindurch. Derjenige, der glaubt, fertig ausgebildet zu sein, ist nicht ausgebildet, sondern fertig.
Neue Technologie schafft neue Möglichkeiten. Wir haben die Informationstechnilogie in gebrauch genommen. Nun werden wir mit Klugheit die Biotechnologie zum Besten der Gesellschaft entwickeln. Wir werden darauf achten, daß jede neue Technologie innerhalb eines ethisch
verantwortlichen Rahmens benutzt wird. Doch wir werden auch neue Möglichkeiten benutzen wenn es darum geht, Krankheiten zu bekämpfen und Arbeitsplätze und die Wirtschaft zu verbessern.
Albert Einstein - mit all seinem Wissen - sagte, Phantasie sei wichtiger als Wissen. Er war der Meinung, Phantasie sei notwendig, um Freude am Wissen zu haben. Kinder haben eine solche Phantasie. Die Schule muß dazu beitragen, daß die Phantasie leben und wachsen darf, so daß wir die Fähigkeit, neu zu denken, behalten.
Wenn wir schaffen, müssen wir auch die Fährigkeit zu teilen bewahren.
Das, was unseren Leben die größte Bedeutung und Freude gibt, ist, mit anderen teilen zu können. Viele von uns haben die Freude zu Weihnachten erfahren dürfen. Doch viele erleben Weihnachten als eine Zeit, in der dunkle Tage noch dunkler und große Verluste noch größer werden.
Im Herbst traf ich eine ältere Frau, die von der Einsamkeit erzählte, die sie erlebte. Sie
traf dabei einen wichtigen Punkt. Das Schlimmste an der Einsamkeit ist nicht, anderer Menschen Aufmerksamkeit zu vermissen. Es ist auch nicht, niemanden zu haben, dem man Aufmerksamkeit schenken kann. Genau so wichtig wie die Frage, wovon wir leben sollen, ist die Frage, für was wir leben sollen. Wir werden nicht unbedingt glücklicher davon werden, daß das Land und die meisten von uns noch reicher werden.
Seit 1970 sind wir fast dreifach so reich geworden, in Geld gemessen. Doch sind wir auch dreifach so glücklich? Leben wir reiche Leben in dem reichen Land?
Ole Paus (Anmerkung: norwegischer Liedermacher) hat folgendes über uns Norweger gesagt: "Wir haben alles, aber das ist auch alles, was wir haben."
Viele unserer Träume enden als Rechenexempel in Kronen und Øre. Aber wenn ich genauer nachdenke, weiß ich, daß als Mensch, Ehemann, Vater und der Freund meiner Freunde sich das gute Leben um etwas anderes dreht: nämlich darum, Menschen in meiner Nähe zu haben, mit denen ich Freude und Schmerz teilen kann. Und darum, in einem größeren Rahmen am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken und zu merken, daß mein Einsatz wichtig ist.
Verglichen mit anderen Ländern gibt es in Norwegen nur geringe Unterschiede in der Lebensart der Menschen. Doch wir dürfen nicht eine gerechte Verteilung der Mittel und Möglichkeiten damit verwechseln, daß alle gleich sein sollen. In unserer vielfältigen und vielkulturellen Gesellschaft wünschen wir uns, daß die Menschen verschieden sind. Daß sie unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Glauben und sexualer Neigung sie selbst sein dürfen.
Doch wir werden gegen Unterschiede protestieren, die durch soziale Ungerechtigkeit hervorgerufen werden. Die erblichen Unterschiede. Unsere Herausforderung ist es, zu verhindern, daß der Reichtum neue Ungleichheiten und der Zugang zu Wissen neue Klassengrenzen schafft.
Wir haben zu viele Beispiele davon gesehen, daß diejenigen, die von vornherein am meisten haben, ihren Teil der Verantwortung, die wir zusammen tragen müssen, nicht übernehmen. Grosse Zuschläge und goldene Verträge für einige wenige rütteln an einem feinen und ungeschriebenen Verständnis, daß wir eine gemeinsame Verantwortung für die Ganzheit haben. Da bricht unsere
Gemeinschaft auseinander.
Wir alle können schwach sein - auch der stärkste unter uns.
Kurz vor Weihnachten besuchte ich die Heilsarmee in Oslo. Es hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, Menschen zu treffen, die in dem reichen Norwegen von heute materielle Not leiden. Es dreht sich hierbei u.a. um arme Kinder, Kinder von Eltern, die es sich nicht leisten können, die Kinder an Klassenfahrten oder Geburtstagsfeiern teilnehmen zu lassen.
Doch es machte ebenfalls grossen Eindruck auf mich, die Mitmenschlichkeit, Wärme und
Mitgefühl zu erleben, die Major Marit Solli und ihre Mitarbeiter all denjenigen, die eine helfende Hand benötigen, entgegenbringen.
Die vielen tausend Freiwilligen in unserem Land verdienen alle unseren Dank - sie zeigen, es wirklich bedeutet, Nächstenliebe und Freude zu teilen.
Das wichtigste, das wir teilen, ist unsere gemeinsame Natur. Umweltprobleme können nur dadurch gelöst werden, wenn wir, die heute leben, unseren Reichtum mit denen teilen, die morgen leben werden.
Wir hatten ein merkwürdiges Wetter in der letzten Zeit. Im Süden und Osten haben wir die Sonne kaum gesehen, der Regen ist herniedergeprasselt und wir hatten Überschwemmungen und Niederschlagsrekorde. Weiter westlich und im Norden hat man Trockenheit gehabt. In Sunndalsøra waren es 18 Grad + im Dezember, und die Leute konnten in der Adventszeit Rosen pflücken.
Ein einzelner verrückter Winter ist kein Beweis von Klimaänderung. Doch Änderungen über einen längeren Zeitraum mahnen uns, dies ernst zu nehmen. Es war eine schlimme Niederlage, daß die Klimaverhandlungen in Haag erfolglos verliefen. Doch dies zeigt auch, wie schwierig es wird, wenn alle Länder der Welt sich einigen sollen, die Verantwortung und Bürden zu teilen.
Ich bin überzeugt davon, daß es möglich ist, zur Einigung zu kommen und daß wir das unsrige tun, dazu beizutragen. Der Klimaherausforderung zu begegnen wird von uns allen - als Gesellschaft, Betrieben und Einzelindividuen
großen Einsatz fordern. Doch hier führt der Weg in die Zukunft hindurch.
Das ganze vorige Jahrhundert hindurch war die Gewinnung von Wasserkraft ein Zeichen des Wachstums der norwegischen Industrie. Wir haben in Norwegen viele Wasserläufe zur Gewinnung von Wasserkraft ausgebaut. Diesen Standard werden wir bewahren.
Doch wir haben eine Grenze erreicht. Deshalb wird die Regierung vorschlagen, daß die geplanten Ausbauten der Wasserläufe Bjøllåga, Melfjord und Beiarn gestoppt werden.
Ich weiß, daß diese Entscheidung Uneinigkeit hervorrufen wird. Die Vorteile dieser Ausbauten sind jedoch nicht
groß genug, um die nicht wieder gutmachbaren Eingriffe in die Natur zu rechtfertigen. Unberührte Natur bekommt immer
größeren Wert. Wir sind nun so weit gekommen, daß die Zeit der großen Wasserkraftausbauten vorbei ist.
Wir schämen uns nicht darüber, daß wir in einem der reichsten Länder der Erde wohnen. Doch dies legt uns Verpflichtungen auf. Gro Harlem Brundtland pflegte zu sagen: Mehr
als 99 Kronen von jedem Hunderter den die Nation verdient, verbrauchen wir für
uns selbst. Ist es da nicht gerecht, daß wir die letzte Krone mit jemandem
anderen teilen? Ich meine, die Anwort muß ja heißen.
Kurz vor Weihnachten bekam ich einen Brief von der Generalsekretärin der norwegischen Abteilung von UNICEF, Kjersti Gjestvang. Sie bat mich, die Neujahrsansprache dafür zu nutzen, für arme Kinder zu bitten. Das tue ich gerne. Zusammen mit UNICEF ist Norwegen aktiv an einem internationalen Projekt beteiligt, wo alle Kinder der Welt geimpft werden sollen. Für norwegische Eltern ist das Recht auf Impfstoff für ihre Kinder eine Selbstverständlichkeit. 30 Millionen Kinder in der Welt
haben dieses Recht nicht. Drei Millionen von ihnen werden an Krankheiten sterben, gegen die unsere Kinder geschützt sind.
Schon nach einem Jahr hat das internationale Impfprogramm dazu beigetragen, tausende von Kindern zu retten.
Unsere eigene Geschichte hat uns gezeigt, daß die Kindersterblichkeit gesenkt werden muß, wenn es Wachstum und Entwicklung in einem Land geben soll. Wir tragen nun dazu bei, daß viele andere Länder diesen Start bekommen.
In den folgenden Jahren werden wir die Resultate des Berliner Mauerfalls erleben. Kontinuierlich verwischen die Grenzen zwischen Ost- und Westeuropa. Nun sehen wir, daß die Länder die Verantwortung für die Zukunft teilen müssen. Wir sind dabei, ein Europa zu bekommen. Und Europas Zukunft ist auch Norwegens Zukunft. Europas Unsicherheit ist unsere Unsicherheit. Europas Frieden ist unser Frieden.
Wenn wir den Frieden sichern wollen, müssen wir Verantwortung übernehmen. Dies ist auch teilen - Verantwortung teilen. Ab heute ist Norwegen Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Dies legt uns eine schwere Verantwortung auf. Im April wird ein norwegischer General das Kommando über die Friedenstruppen in Kosovo erhalten. Mehr als eintausend norwegische Frauen und Männer leisten Dienst für den Frieden auf dem Balkan. Ich besuchte sie kurz vor Weihnachten. Ich bin solz darauf, Staatsminister eines Landes mit so bewundernswerten Soldaten und Befehlshabern zu sein.
Ein ganz neues Jahr liegt vor uns.
Am 25. August werden wir die Hochzeit des Kronprinzen Haakon uns seiner Verlobten, Mette-Marit Tjessem Høiby, feiern. Im Herbst haben sie eine wichtige Entscheidung getroffen; sie haben sich entschlossen, das Leben zusammen zu leben. Sie waren vom Ernst der Stunde geprägt, doch gleichzeitig so sicher: Sie lassen die Liebe den Weg zeigen. So sollte es sein - auch für unsere königliche Familie.
Wir grüßen König Harald, Königin Sonja und ihre Familie und danken ihnen für ihren Einsatz für Norwegen im vergangenen Jahr. Wir senden unsere Grüße zu allen Norwegern, die ihren Wirkungskreis außerhalb der Grenzen unseres Landes haben. in den UN- und NATO-Friedenstruppen, für Betriebe, Im Außendienst und in humanitären und kirchlichen Diensten.
An einem Abend wie diesem denken wir besonders an sie Kranken und an diejenigen, die ihre Lieben verloren haben.
Und wir unterstreichen die grundlegende Gemeinsamkeit zwischen uns allen, wenn wir nun einander ein richtig Gutes Neues Jahr wünschen.