Neujahrsansprache von Seiner Majestät König Harald:
"Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden - doch muß vorwärts gelebt
werden", sagt Søren Kierkegaard.
Von allen Gütern des Lebens ist die Zeit eins der wertvollsten. Es ist jedoch
jedem selbst überlassen, diese zu nutzen und wertzuschätzen. In einigen
Kulturen ist man mehr bewußt, daß die Zeit kommt, als daß die Zeit geht. Wir
wissen nicht, wie die Zukunft aussieht. Auf vieles haben wir keinen Einfluß,
doch auf einer Reihe Gebiete ist es uns überlassen, unsere Leben zu formen. Auf
jedem einzelnen liegt die Verantwortung für sich selbst, für seine Nächsten,
die Gesellschaft und die Welt, in der wir leben.
Eine gemeinsame Aufgabe für alle ist es, unsere Natur und die Atmosphäre, die
uns umgibt, zu schützen. Wir haben bereits erschreckende Beispiele gesehen, wie
die Natur zerstört wird. Vielleicht sind wir nun Zeugen davon, wie die
Atmosphäre wegen der Produktion und des Konsums der Menschen verletzt wird. Die
Emission von Klimagasen führt zu erhöhtem Treibhauseffekt, was das Klima auf
der ganzen Erde zu verändern droht. Es sind wenige, die heute noch daran
zweifeln, daß eine solche Klimaänderung im Gang ist. Über die Konsequenzen
ist man sich jedoch weniger einig. Internationale Solidarität ist eine
Voraussetzung für die Durchführung der umfassenden gesellschaftlichen
Umwälzungen, die her müssen, um dieser Herausforderung zu begegnen. Die
Atmosphäre ist globales Gemeinschaftsgut und verlangt eine gemeinschaftliche
Lösung.
Representanten aus über 180 Ländern haben gerade auf der großen
Klimakonferenz in Haag zusammengesessen. Zwei Wochen dauerten die Verhandlungen
- ohne das das Resultat erreicht wurde, auf das eine ganze Welt gehofft hatte. Man
muß sich fragen dürfen, warum es nicht möglich war, sich über den Schutz des
Planeten, der unser aller gemeinsamer Aufenthaltsort ist, zu einigen. Einer der
größten Widersprüche unserer Zeit ist es, daß Interessengegensätze einem
Prozeß, von dem alle wünschen, daß er gelingen möge, ein Bein stellen
können. Wir können uns den Luxus, oberflächlich zu sein, nicht leisten. Es
ist wichtig, langfristige Ziele zu haben. In gleichmäßigen Zeiträumen müssen
wir deshalb anhalten und sehen, wo wir stehen und wie es um uns steht, so wie
ein Trainer um eine Auszeit bittet, um seine Truppen zu einer kurzen
strategischen Orientierung zu sammeln, bevor das Spiel weitergeht.
Mit einfachen Mitteln können wir beitragen, die Wirklichkeit zu beeinflussen -
wenn es auch noch so wenig ist. Auch wenn wir nicht alle Probleme der Welt auf
einmal lösen können, ist es toll, etwas zu tun! Ich rühme denjenigen, der
Jahr für Jahr eine freiwillige Verantwortung auf sich nimmt, und der etwas von
seiner Freizeit zum Besten für Andere benutzt. Wir sehen dies zum Beispiel in
der Kinder- und Jugendarbeit, im Sport und in kulturellen Zusammenhängen. Es
wärmt das Herz in mehr als einem Verstand, wenn Einzelpersonen und Verbände
auf eigene Initiative Geld und Kleidung einsammeln und vollgelastete Lastwagen
über die Landesgrenzen zu Notleidenden senden. Es gibt unzählige Wege,
Solidarität und Mitgefühl zu zeigen, ob es im eigenen kleinen Kreise oder in
fernen Welten geschieht. Es ist immer gut, anderen eine Freude bereiten zu
können.
Um eine Gesellschaft zu bauen, brauchen wir sowohl Fußsoldaten als auch
Menschen, die bereit sind, Führungsaufgaben zu übernehmen. Doch heutzutage ist
es hart, eine Führungskraft zu sein. Es stürmt ordentlich auf der Höhe -
nicht zuletzt wegen dem Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Es werden
ständig neue Forderungen nach Umstellung der Fähigkeit zur Veränderung
gestellt. Im Geschäftsleben erleben wir Fusionen, Aufkäufe und
Besitzerwechsel. Dies kann Wachstum und Möglichkeiten schaffen, doch für viele
sind die Fragen: Wer ist nächste Woche mein Chef? Habe ich morgen noch eine
Arbeit? relevant genug. Das Resultat dieser einschneidenden Änderungen sind oft
effektive und sogenannte "schlanke" Betriebe. In einer Osler Zeitung
wurde einmal folgende Frage gestellt: Verschwindet bei diesen
Schlankungsprozessen auch das, was wir das "gute" Fett nennen? - das,
was dazu beiträgt, daß die Angestellten die Ruhe und Sicherheit haben, die sie
benötigen, um gute Arbeit zu leisten und nach den verschiedenen Anstrengungen
wieder aufzutanken.
In einer Gesellschaft, wo das Gemeinschaftsverständnis geschwächt zu sein
scheint, und wo die Menschen mit sich und dem ihren genug zu tun haben, ist es
wichtig zu sehen, wo die Treffpunkte unserer Zeit liegen. Früher gaben die
Milchrampen der Bauernhöfe, der "Tante-Emma-Laden" und Basare
Gelegenheit zu mitmenschlichem Kontakt. Wir müssen in unserer
vielbeschäftigten Gesellschaft neue Begegnungsstätten finden. Wir brauchen
Zeit zum miteinander reden und zusammen zu sein! Es sind die
zwischenmenschlichen Kontakte, die ein gutes Leben schaffen.
Viele - nicht zuletzt die Jugendlichen - benutzen das Internet als neuen und
modernen Treffpunkt. Es gibt keinen Zweifel darüber, daß das Internet eine
fantastische Neugewinnung ist, wo die Welt auf eine leichte und spannende Weise
zugänglich geworden ist. Gleichzeitig muß man aber auch eine gewisse Kritik
gegenüber vielen der Angebote, die dort liegen, ausüben, und man muß sagen,
daß der soziale Aspekt begrenzt ist. Wir brauchen auch die Wärme eines
Großmutterschosses und die Phantasiewelt der Märchenbücher.
Das Internet hat die Welt kleiner gemacht. Auch auf der großen
UN-Milleniumsversammlung der Staatsführer der Welt im Herbst in New York bekam
ich den Eindruck, daß wir in einer kleinen Welt leben. Es ist vielversprechend,
daß die Regierenden sich um die Teilung von Verantwortung und dem Bewahren von
Interessen, die zum Besten aller sind, zusammentun können. Norwegen wird als
Mitglied des UN-Sicherheitsrates diesbezüglich in den kommenden Jahren eine
besondere Verantwortung haben. Ich wünsche denjenigen, die bei dieser Arbeit
eine zentrale Rolle spielen, alles Gute für ihren Einsatz.
Ein Ergebnis des großen Treffens in New York ist die "Millenniumsdeklarastion",
wo sich 189 Länder verpflichten, Krieg, Armut und Aids zu bekämpfen. Es gibt
keinen Zweifel darüber, daß HIV/Aids eine der größten Katastrophen unserer
Zeit ist. Die letzten Zahlen über die Ausbreitung der Aids-Epedemie zeichnen
ein Bild, das nur schwer zu fassen ist. Daß in der Welt zehnmal mehr Menschen
an Aids als in Kriegen und Konflikten sterben, ist besorgniserregend. Frauen,
Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet, und das Ergebnis ist für
Familien, lokale Gemeinschaften und die Gesellschaft katastrophal. Zu
dieser Situation können wir uns in Norwegen nicht passiv verhalten. Aids ist
eine enorme Herausforderung für die internationale Solidarität. Zusammen mit
anderen Ländern müssen wir unsere handfeste Stütze geben und im Kampf um
größere Offenheit gegen diese Gefahr, die über große Teile der Welt
dahinfegt, eine vorwärtstreibende Kraft sein.
Im Laufe des nächsten halben Jahres übernimmt Norwegen die Führung der
internationalen Friedenstruppen in Kosovo. Über viele Jahre hat das norwegische
Militär einen imponierenden Einsatz bei friedensbewahrenden Einsätzen gezeigt.
Unsere Verteidigung befindet sich in einem bedeutenden Umstellungsprozeß, der
für eine Reihe Gemeinden und viele der Angestellten der Verteidigung große
Konsequenzen haben kann. Ich hoffe, daß die anstehenden Veränderungen
sicherstellen werden, daß unser Land weiterhin eine militäre Verteidigung
haben wird, die die nationale Sicherheit gewährleistet und gleichzeitig unseren
Beitrag zu internationalem Frieden und Sicherheit leistet. Ich danke dem
Personal der Verteidigung für den Einsatz, den es tagtäglich zu Hause und
außerhalb der Landesgrenzen leistet und wünsche Glück zu den
Herausforderungen, denen die Verteidigung nun gegenübersteht.
In unserer modernen Gesellschaft ist Offenheit notwendig. Diesem haben wir
Rechnung zu tragen versucht, indem wir u.a. das Schloß dem Publikum geöffnet
und eine eigene Informationseinheit eingerichtet haben. Im letzten Jahr hat das
Königshaus große Aufmerksamkeit von seiten der Medien erhalten. Nich zuletzt
gab es großes Interesse an der Verlobung des Kronprinzen. Daß sich so viele
engagieren, ist sowohl gut als auch verständlich. Für die Königin und mich
ist dies eine wichtige Begebenheit, und wir sind froh darüber, daß unser Sohn
den Menschen gefunden hat, mit dem er sein Leben teilen möchte.
Auch dieses Jahr hat der Königsfamilie Gelegenheit gegeben, viele Menschen zu
treffen, sowohl zu Hause als auch außerhalb.
Zwei Begebenheiten haben unsere beiden größten Städte geprägt. In der
Kulturstadt Bergen waren Vielfalt und Aktivitäten groß. Bei der Feier des 1000jährigen
Jubileums der Stadt Oslo hat man versucht, die Breite im Angebot und Lebensstil
der Großstadt zu zeigen. Das Jubileum hat auch die Wurzeln der Stadt gesucht,
wo zum Beispiel das Mittelalterfestival in einer denkwürdigen Nachbarschaft zu
der Verkehrsmaschine unserer Zeit und dem Opernbau der Zukunft stand.
Die traditionelle Sommertour mit dem Königsschiff ging diesmal südwärts. Die
Begegnung mit der Bevölkerung in Aust-Agder und der Telemark war ein schönes
und spannendes Erlebnis. Das Jahr hat uns im Übrigen einen guten Eindruck über
die vielfältigen Aktivitäten, die in unserem Land vorgehen, gegeben. Viele
Bilder tauchen auf, wenn wir das Jahr rückblickend betrachten: alles von
Tunneln über und unter Wasser zu imponierenden Neubauten, von
Mittelalterkirchen zu experimentellen Ausdrucksformen innerhalb der Kunst und
Kultur.
Einer derjenigen, von denen wir im kommenden Jahr sicher viel hören werden, ist
unser großer Verfasser und Sprecher Arne Garborg. Im Januar ist es 150 Jahre
her, daß er geboren wurde. Wie Søren Kierkegaard hat sich auch Garborg damit
beschäftigt, daß "die Zeit das ist, zu dem wir sie machen". Laßt
uns die Zeit erfassen, die uns gegeben ist, und das unsere tun, damit das Neue
Jahr einen bedeutungsvollen Inhalt bekommt!
Godt Nytt År!