Moschusochsen
auf dem Dovrefjell
Der Moschusochse ist die
Inkarnation der arktischen Landschaft in sich selbst. Jahrtausendelang ist er über
die Tundra gezogen, manchmal nach Süden, manchmal nach Norden, je nach dem wie
das Inlandseis im Takt mit den Klimaveränderungen die Kontinente eroberte oder
sich zurückzog. Die Vorfahren der Moschusochsen entwickelten vor Millionen von Jahren sich im Hochland Zentralasiens. Langsam eroberten sie sich die arktischen Gebiete des eurasischen Kontinentes, vom Stillen Ozean im Osten bis zum Atlantik im Westen. Dies geschah, als die Temperaturen sanken und die Tundra sich südwärts auszudehnen begann. Viele Tierarten starben aus, während es anderen gelang, sich anzupassen. Rentier und Moschusochse gehörten zu denen, die erfolgreich waren. Als die Eiszeiten des Quartärs begannen, war der Moschusochse an ein Leben am Rand des Eises angepaßt. Er überlebte lange, doch als sich die Gletscher nach der letzten Eiszeit von Europa zurückzogen, verschwand auch der Moschusochse. Die Ursachen dafür sind viel diskutiert worden. Der wahrscheinlichste Grund für das Verschwinden der Moschusochsen aus unserem Teil der Welt ist wohl die Expansion des Menschens - des Jägers - nach Norden. Östlich des Urals überlebte eine Population einige tausend Jahre länger und starb erst zu Beginn unserer Zeitrechnung in Sibirien aus. Russische Forscher meinen, es hätten bis weit in das letzte Jahrtausend in Sibirien noch Moschusochsen gelebt. Das heutige Verbreitungsgebiet der Moschusochsen umfaßt Kanada (nordöstlich der Hudson Bay), wo sie bereits 1917 unter totalen Schutz gestellt wurden, und Nordostgrönland, welches 1974 zum Nationalpark erklärt wurde, wodurch auch der grönländische Moschusochsenbestand geschützt wurde. In Südwestgrönland, Norwegen, auf der sibirischen Taimyrhalbinsel, auf der ostsibirischen Wrangelinsel und entlang der Küste Alaskas sind sie erfolgreich wieder eingebürgert worden, während Einbürgerungsversuche u.a. auf Island und Spitzbergen mißglückten. Einige der auf dem norwegischen Dovrefjell angesiedelten Tiere wanderten in das norwegisch-schwedische Grenzgebiet um die Femundsmarka ab. Der Moschusochse gehört zu den Paarhufern und ist ein Wiederkäuer. Seine weitere Einordnung ist umstritten, doch ist am meisten anerkannt, daß er eine eigene Entwicklungsgruppe in der Ziegen- und Schafgruppe repräsentiert, der auch der in Zentralasien beheimatete Yak angehört. Der charakteristischste Zug beim Moschusochsen ist das büffelähnliche Aussehen, weshalb man lange annahm, er sei näher mit den Rindern und Antilopen verwandt als mit den Schafen. Er ist ein ausgeprägtes Herdentier, was sich besonders bei Gefahr geltend macht. Moschusochsen halten sich meist in Gruppen von 6-15 Tieren auf. Gegen ihren einzigen natürlichen Feind, den Wolf, haben sie eine Verteidigungstechnick entwickelt, bei der die Tiere einen Halbkreis bilden und den Angreifern sie Stirn zuwenden. Kälber und Jungtiere sammeln sich hinter den Erwachsenen, welche eine Front gegen den Feind bilden. Aus dieser Front können einzelne Tiere blitzschnelle Ausfälle gegen den Feind unternehmen, wobei sie versuchen, ihn mit ihren spitzen Hörnern aufzuspießen. Der Rest der Herde schließt schnell auf, um zu verhindern, daß das angreifende Tier vom Feind umringt wird. In der offenen arktischen Landschaft ist diese Verteidigungstechnik sehr effektiv, sie setzt aber eine kräftige Hornentwicklung und rasches Reaktionsvermögen voraus. Die Tiere nutzen den kurzen arktischen Sommer effektiv, um sich ein dickes Fettpolster für den Winter anzufressen. Darüber hinaus sind sie im wahrsten Sinne des Wortes faul und vergäuden ihre Kraftreserven nicht. Die Tiere haben kaum Schweißdrüsen und damit so gut wie keinen Körperflüssigkeitsverlust, wodurch sie ihre Körpertemperatur bewahren. Um Überschußwärme, die z.B. bei den heftigen Brunftkämpfen entsteht, loszuwerden, geschieht dies durch Hecheln. Während der Brunft im Spätsommer herrscht zwischen den dominanten Ochsen eine starke Konkurrenz, und die Kämpfe können heftig sein. Nicht immer wird es ein Kampf auf Leben und Tod, oft reicht es, daß der Leitochse mit seiner Körpersprache den jüngeren Ochsen zeigt, wer regiert. Ein junger, kaum erwachsener Ochse wird nie mehr als einen ernsten Versuch unternehmen, einen dominanten Ochsen herauszufordern. Eine Entscheidung zwischen zwei ebenbürtigen Tieren kann dagegen ungleich mehr dramatisch und langwierig ausfallen. Nach einem Vorspiel mit Drohungen verschiedener Art, sowohl durch Bewegungen und Laute, rücken die Ochsen 20-30 Meter auseinander, stoppen und senken die Köpfe. Mit aller Kraft, die sie aufbringen können, rasen sie nun aufeinander zu und krachen Schädel auf Schädel aneinander. Es soll nach solchen Zusammenstößen angebrannt riechen können, wie wenn man zwei Steine aneinander schlägt. In seltenen Fällen können tödliche Verletzungen auftreten, z.B. wenn ein Schädel bricht, oder die Tiere schräg aufeinander treffen und sich mit den spitzen Hörnern lebensgefährliche innere Verletzungen zufügen. Das Ziel dieser Kraftproben ist, die Herrschaft über die Kühe zu gewinnen, mit denen sie sich im Juli-August paaren. Den Rest des Jahres über sind es die Kühe, die die Herde anführen. Die Trächtigkeit beträgt 8-9 Monate, und die Jungen kommen im Mai zur Welt. Normalerweise bekommen die Kühe nur ein Kalb, doch Zwillingsgeburten kommen vor. Die Geburtenfrequenz ist abhängig vom Futterzugang. Ein ausgewachsener Ochse wiegt rund 300-400 kg, während die Kühe rund 100 kg leichter sind. Ochsen erreichen eine Länge von bis zu 250 cm und eine Schulterhöhe von 145 cm, während Kühe bis zu 230 cm lang und 130 cm hoch werden. Man sagt, der Moschusochse sei ein mißverstandenes Tier, und daran kann etwas sein, nicht zuletzt wegen des Namens. Der wissenschaftliche Name Ovibos moschatus deutet wie der deutsche Name Moschusochse auf ein Rind mit moschusähnlichem Geruch hin. Nun ist der Moschusochse aber ja weder ein Rind, noch hat er moschusproduzierende Drüsen. Lange meinte man, er sei eine Mischung aus Rind und Schaf, doch auch das ist widerlegt. Die Eskimos haben ihm einen passenderen Namen gegeben, nämlich Oomingmak, was "der Bärtige" bedeutet. |