Rentier
(Rangifer tarandus)


Das Rentier ist für viele das Symbol Nordnorwegens bzw. Nordskandinaviens.

In Europa leben drei wilde Unterarten des Rens:

  • Fjellren (Rangifer tarandus tarandus)

  • Waldren (Rangifer tarandus fennicus)

  • Svalbardren (Rangifer tarandus platyrhynchus)

Das Fjellren ist das eigentliche Wildren und lebt in den Hochgebirgsregionen und Vidden Südnorwegens. 

Das wilde Waldren ist in Schweden ausgerottet, aber es gibt noch einen kleinen Bestand in Finnland im Grenzgebiet zu Rußland. Es hat längere Beine als das Fjellren und Svalbardren und kann sich deshalb leichter im Tiefschnee bewegen und den Wölfen, seinen Hauptfeinden, davonlaufen.

Das Svalbardren lebt auf der Inselgruppe Svalbard (Spitzbergen). Es hat einen kleineren, kompakteren Wuchs als seine Verwandten auf dem Festland und ist am nächsten mit dem Peary-Caribou der hocharktischen kanadischen Inseln und Grönlands verwandt.

Die meisten Wildrene sind heute zu einem gewissen Grad mit gezähmten Rentieren vermischt. Die reinsten Wildrene ganz Fennoskandiens*) leben heute auf dem Dovrefjell (Snøhetta und Knutshø) und Rondane. Auf der Hardangervidda lebt die größte Wildrenherde (ca. 10.000 Tiere), welche aber wie alle anderen übrigen Wildrenstämme Einschlag von Haustieren hat. 

Das Zahmren, so wie es heute hauptsächlich in Norwegen existiert, ist wahrscheinlich eine Mischung aus Fjellren und finnischem und schwedischem Waldren. Auch die zahmen Rene gehen frei umher. Sie sind gekennzeichnet und werden einmal jährlich zusammengetrieben, um den Nachwuchs zu markieren und die Tiere auszusuchen, die geschlachtet werden sollen.

Das Ren hat sich im höchsten Grad an ein Leben unter den harten Bedingungen der schneereichen nordischen Gebiete angepaßt. Als erstes Landsäugetier folgte es dem Rückzug des Inlandeises vor 15.000 bis 10.000 Jahre nach Norden. Auch heute lebt es hauptsächlich in der Tundra und im borealen Nadelwald mit der Birkenwaldzone an der Granze zur Tundra. Hier sind die Winter lang, mit einer geschlossenen Schneedecke über 7-9 Monate im Jahr.

Ausgewachsene Rentierbullen können bis zu 270 kg schwer und bis zu 125 cm hoch (Widerrist) werden. 

Die Hufe des Rens sind so geformt, daß sie auf dem Schnee gut tragen und auch als Schneeschaufel dienen, um Flechten freizulegen. Der Pels ist sehr dicht und besteht aus hohlen Haaren, welche mit luftgefüllten Markzellen gefüllt sind und besser isolieren. Rene haben ca. 3 mal so viele Haare per cm² Fell als andere Hirscharten und können Kälte bis -40°C aushalten, ohne den Stoffwechsel beschleunigen zu müssen. Sie können auch die Temperatur in den Beinen regulieren, so daß die äußeren Schichten nur ca. 0°C warm sind, was einem Wärmeverlust wichtiger Organe im Körper vorbeugt.

Die wichtigste Nahrung des Rens sind Flechten. Diese enthalten jedoch Enzyme, die die Magenbakterien töten, weshalb die Rentiere eine spezielle Magenflora besitzen, um Flechten trotzdem verwerten zu können. Da Flechten außerdem viele Kohlenhydrate enthalten, bekommt das Ren viel Energie zugeführt. Flechten halten die Tiere aber nur am Leben; weil sie gleichzeitig sehr arm an Proteinen sind, können die Tiere nur über andere Nahrung im Sommer an Gewicht zulegen. Die Sommerweiden im Hochgebirge sind dort am besten, wo es im Winter am meisten schneit; Flechten dagegen wachsen eher in Gebieten mit weniger Schnee (Ostjotunheimen, Rondane etc.). Deshalb wandert das Ren zwischen Sommer- und Winterweideplätzen.

Mitte Mai beginnt das Kalben. Die Kälber, die früh zur Welt kommen, haben eine längere Zeit mit gutem Futter bis zum nächsten Winter vor sich und damit bessere Chancen, größer und stärker zu werden. Damit vergrößern sich ihre Überlebenschancen. Die Weibchen suchen spezielle Plätze auf, wo sie ihre Kälber zur Welt bringen und mit dem Neugeborerenen ca. 3 Tage allein sind, bis es kräftig genug ist, um mit der Herde Schritt zu halten. Alle Kälber werden innerhalb einer Woche geboren.

Unter normalen Umständen paaren sich die Weibchen jedes Jahr im Alter zwischen 1,5 und 12-14 Jahren. Auch die Männchen werden mit 1,5 Jahren geschlechtsreif, aber sie müssen oft mehrere Jahre warten, bis sie die Möglichkeit bekommen, sich zu paaren. Das bedeutet, daß ein Bulle nur in einem bis vier Jahren seines Lebens an der Paarung teilnimmt. Die kurze Brunstzeit und die verhältnismäßig hohe Anzahl Männchen führen zu einer harten Konkurrenz. Normalerweise sind die Bullen vom 4. bis 9. Lebensjahr am stärksten und aktivsten. Diese haben ein ausgewachsenes Geweih und langes, weißes Fell am Hals, was ihnen bis an die Knie reichen kann. Sie benutzen ihr gesamtes Repertoire an Lauten, Geruch und imponierendem Verhalten, um die Rivalen fernzuhalten und die Weibchen zu stimulieren. Kämpfe sind häufig, aber kurz und werden gerne mit visuellem Eindruck von Stärke und Größe entschieden.

Rene leiden im Sommer sehr unter blutsaugenden Insekten wie Mücken und Bremsen. Das dünne Sommerfell bietet kaum Schutz und ein Tier kann an einem einzigen Tag unter "Großangriffen" bis zu einem Viertelliter Blut verlieren! Darüberhinaus wird es vom Fressen abgelenkt. Nach schlimmen Mückensommern können die Rentiere deshalb unter Blutarmut leiden - speziell die Kälber. Die Tiere richten ihren Lebensrhythmus aus diesem Grund nach den Plagegeistern aus. Mücken werden ab 7°C aktiv, Bremsen ab 14°C. An windstillen Tagen, wo die Insektenangriffe am schlimmsten sind, suchen die Rene Schutz auf hochgelegenen Schnee- und Gletscherflächen.

Norwegen hat nach der Berner Konvention eine besondere Verantwortung, das Wildren (Fjellren) zu schützen, da es in Europa das einzige Land mit einem Bestand dieser Unterart ist.
Die Stämme im Dovre, die am meisten schützenswert sind, sind gleichzeitig auch am meisten durch Luftverschmutzung (radioaktive Strahlung und Schwermetalle), Natureingriffe und verstärkten Tourismus (auch Wandertourismus) gefährdet.
Es ist deshalb extrem wichtig und die Verantwortung eines jeden Fjellwanderes, Rene in keinster Weise zu stören!

*) Fennoskandia ist eine Bezeichnung für die Skandinavische Halbinsel (Norwegen und Schwerden) plus Finnland