Flora und Fauna im Fjell - Seite 1

Einleitung:


Anders als in Mitteleuropa wird die norwegische Gebirgsnatur von weiten Hochebenen und gletschergeformten runden Formen beherrscht (Ausnahme ist das Jotunheimengebirge mit einer ordentlichen weißen und spitzen Bergwelt), die von einer beeindruckender Kargheit und Eintönigkeit sind (bestes Beispiel ist das Rondane-Gebirge im inneren Osten Südnorwegens). 

Der Norweger bezeichnet alles, was oberhalb der Baumgrenze liegt, als Fjell. Fjell wird zu Deutsch übersetzt mit "Berg" oder "Gebirge".  Umfassender sind unter dem Begriff Fjell diejenigen Landschaften zu verstehen, die während der Eiszeit überformt wurden, dazu Gipfel, Grate und Bergrücken. Zum Fjell gehören auch die Gletscher wie der Jostedalsbreen, das größte geschlossene Gletschersystem Europas ohne Island.

Generell kann man sagen, daß in Norwegen, verglichen mit den Alpen, die gleichen klimatischen und Vegetationsverhältnisse bereits 1.000 bis 1.500 Meter niedriger herrschen. Dies wird durch die hochnordische Lage bedingt. Im zentralen Südnorwegen (Jotunheimen und Umgebung) verläuft die Baumgrenze am höchsten - bei ca. 800 bis 1.200 m, weiter östlich bei ca. 900 m, entlang der Westlandsküste bei ca. 500 m, in der Provinz Trøndelag (Region um Trondheim, östlich bis zur schwedischen Grenze) bei ca. 900 m, in der inneren Provinz Troms (Region um Tromsø) bei ca. 700 m und in der Finnmark bis hinunter auf Meereshöhe. Demzufolge findet man die gleichen Pflanzen- und Tierarten, die in Südnorwegen über 1.000 m vorkommen, in Nordnorwegen auf ca. 300 m bis hinunter auf Meereshöhe. Im folgenden beschreiben wir die einzelnen Höhenstufen und die häufigsten Pflanzen und Tiere, die dort jeweils vorkommen.

 

Subalpine Zone:


Die subalpine Zone umfaßt hauptsächlich den Moorbirkenwald, der wie ein Gürtel über dem Nadelhochwald (Prealpine Zone) liegt. In einigen Regionen Ostnorwegens klettern einzelne Nadelbäume jedoch bis zum offene Fjell hinauf und gehören dann ebenfalls in die subalpine Zone. 
In Südnorwegen reicht der Moorbirkenwald normalerweise bis rund 1.000 m (+/- 100 m). Lokal geht er allerdings bis über 1.200 m (u.a. im Sikkilsdalen im östlichen Jotunheimen findet man einen der höchstgelegenen Waldgürtel ganz Norwegens).
Nach Norden hin sinkt die obere Grenze der subalpinen Zone über ca. 600 m in der Fylke Nordland bis unter 300 m in der Finnmark.

Hier leben Vögel wie die Wacholderdrossel (Turdus pilaris), Rotdrossel (Turdus iliacus), Fitis (Phylloscopus trochilus), und dort, wo der Birkenwald mit Moor durchsetzt ist, auch Birkhühner (Tetrao tetrix) und Sumpfohreule (Asio flammeus). Ein prominenter Raubvogel, welcher sehr variiertes Terrain mit steilen Talseiten, offenen Mooren, Fjellwald (Birken und Fichten) und offenen Gebirgslandschaften verlangt, ist der Steinadler (Aquila chrysaetos).

Entlang steiniger, schnellfließender Bäche und Flüsse im ganzen Land ist Norwegens Nationalvogel, die Wasseramsel (Cinclus cinclus) zu finden. Der etwa stargroße, kompakte Vogel hat ein schwarzbraunes Federkleid mit weißer Brust und Kehle und kann oft beobachtet werden, wie er zwischen den Steinen und Strudeln hin- und herflitzt und untertaucht.

Raubiere, die im Übergang der subalpinen Zone zum Fjell leben, sind Polarfuchs (Alopex lagopus, in Norwegen vom Aussterben bedroht), Hermelin oder Großes Wiesel (Mustela erminea), Mauswiesel oder Kleines Wiesel (Mustela nivalis), der zur Pelzzucht eingeführte und aus der Gefangenschaft entwichene Nerz (Mustela vison) und als typisch nordischer und größter Marderartiger der Vielfraß (Gulo gulo; siehe Zeichnung unten), ein scheues und selten beobachtetes Tier.

                     

 

Untere alpine Zone:


Darüber, wo kein geschlossener Wald mehr aufkommen kann, findet man das eigentliche Fjell. An die subalpine Zone schließt oberhalb die untere alpine Zone an. Diese umfaßt hauptsächlich den sog. Zwergweidengürtel, der in Südnorwegen auf ca. 900 - 1.100 m den Moorbirkenwald ablöst und in der Finnmark bis auf 300 m hinunterreicht. 
Der Zwergweidengürtel ist durch  Strauchvegetation gekennzeichnet, und die dominierenden Arten sind verschiedene Zwergweiden , Zwergbirke (Betula nana) , Wacholder (Bild) und Heidearten. 
Die obere Grenze der unteren alpinen Zone ist nicht so klar abgegrenzt wie die untere (= Waldgrenze), doch man zieht die Grenze zur mittleren alpinen Zone normalerweise dort, wo Zwergsträucher und Heiden dünner werden und die Heidelbeere als bestandsbildende Art verschwindet. (In den südlichen Gebirgsregionen ist dies auf rund 1.400 m, in Nordland auf ca. 1.000 m und in der Finnmark auf ca. 400 m Höhe.)

Außer den oben genannten Zwergsträuchern findet man in dieser Vegetationszone Blumen wie den Wald-Storchschnabel (Geranium sylvaticum) und die Echte Goldrute (Solidago virgaurea). In feuchten Felswänden und auf Schieferplatten bei fließendem Wasser der subalpinen und unteren alpinen Zone wächst der herrliche Dickblatt-Steinbrech (Saxifraga cotyledon). Auf feuchten Wiesen und in Buschnähe der südlichen Fjell-Regionen findet man den Purpur-Enzian (Gentiana prupurea). Typische Pflanzen der Moorgebiete in der subalpinen und unteren alpinen Zone sind die für Skandinavien charakteristische Moltebeere (Rubus chamaemorus), das Lappland-Läusekraut (Pedicularis lapponica), verschiedene Wollgräser und das seltene Karlszepter (Pedicularis sceptrum-carolinum).

In diesem sog. Strauchgürtel sind Vögel wie das rotsternige Blaukehlchen (Luscinia svecica; Briefmarke rechts und ), Braunkehlchen (Saxicola rubetra), Wiesenpieper (Anthus pratensis) und Rohrammer (Emberiza schoeniclus) zu Hause. 

Auf großen Seen in der subalpinen und unteren alpinen Zone findet man auch den Prachttaucher (Gavia arctica) und Mittelsäger (Mergus serrator), welche in geringer Zahl, aber gleichmäßig auftreten. Sehr selten ist der Sterntaucher (Gavia stellata), welcher nur in absolut unberührten und ungestörten Gebieten in kleinen Seen und Teichen im Wald und bis zum Fjell hinauf brütet.