Nordische Mythologie
Die geschriebene Grundlage der nordischen Mythologie bildet die mächtige Götterdichtung der
Lieder-Edda, die vor tausend Jahren entstand (niemand weiß, von
wem), und die in isländischen Pergamenthandschriften aus dem 13. Jahrhundert erhalten ist.

Die Entstehung der Welt:
Am Angang waren Kälte und Hitze. Auf der einen Seite lag Niflheim
(Nebelheim), voller Frost und Nebel. Auf der anderen Seite lag Muspellsheim
( Heim der Zerstörung, ein Meer von lodernden
Flammen; Hinweis auf Islands Gletscher und Vulkane?).
Zwischen Niflheim und Muspellsheim gab es nichts. Das Nichts bestand aus einer großen, gähnenden Schlucht, dem
Ginnungsgap. Hier in dieser gewaltigen Leere zwischen Licht und Dunkel nahm das Leben seinen Anfang. In der Begegnung zwischen Eis und Feuer entstand, geformt von der Kälte, doch von der Hitze zum Leben erweckt, der Frostriese
Ymir, der größte Riese, der je gelebt hat.
Das Eis schmolz weiter, und aus ihm entstand eine riesige Kuh mit Euter und Hörnern,
Audhumla genannt. Ihre überreiche Milch floß in mächtigen Strömen und ernährte den Riesen Ymir. Sie selbst ernährte sich, indem sie an den umliegenden salzigen Eisblöcken leckte. Aus einem der Blöckte leckte sie in drei Tagen einen Mann hervor, der darin eingeschlossen gewesen war. Er war hochgewachsen und schön, und sein Name war
Buri. Von ihm stammen die Asen ab, das Göttergeschlecht.
Der Riese Ymir bekam Kinder aus sich selbst. Während er schlief schwitzte er, und unter seinem linken Arm entstanden Mann und Weib. Seine Füße paarten sich, und ein Sohn mit sechs Köpfen wurde geboren. Er ist der Ursprung der Geschlechter der
Hrimthursen, der Trolle und Riesen, die auch Jøten heißen (Jotunheimen bedeutet demnach "Heim der Riesen". Manchmal wird es im Deutschen auch mit "Heim der Götter" übersetzt, was nicht richtig ist, denn Riesen und Götter sind etwas ganz unterschiedliches, und die Götter hießen Asen, so daß es, wäre es das Heim der Götter, "Asheimen" heißen müßte).
Die verschiedenen Geschöfe haben offensichtlich ziemlich lange in Frieden miteinander gelebt und Kinder miteinander bekommen.
Odin, der später das Oberhaupt der Asen wurde, ist der Sohn der Riesen-Tochter
Bestla und dem Sohn von Buri, Bur.
Doch eines Tages erhoben sich Odin und seine Brüder Vilje und Ve zum Aufstand gegen Ymir und sein Geschlecht. Es kam zum Kampf, den Odin und seien Brüder gewannen. Sie töteten Ymir, aus dessen Wunden sich Ströme von Blut über die Feinde der Asen ergossen, in denen sie fast alle ertranken. Nur ein Riesenpaar überlebte das Blutbad und flüchtete in die Nebelwelt. Von ihnen stammen alle späteren Hrimthursen-Geschlechter ab.
Die Asen schleppten den toten Frostriesen in die Mitte der Schlucht Ginnungsgap, die große Leere, und legten ihn wie einen Deckel über den Abgrund. Hier erschufen sie aus der Leiche des Riesen die Welt. Sein Blut wurde zum Meer, sein Fleisch zur Erde, seine Knochen zu Gebirgen und Klippen, seine Zähne und zersplitterte Knochenreste zu Steinen und Geröll und die Haare zu Bäumen und Gras. Sein Gehirn warfen sie hoch in die Luft, wo aus ihm die Wolken entstanden, und seine Schädeldecke bildete das Himmelsgewölbe. Danach fingen die Götter Funken aus dem heißen Muspellsheim und setzten sie an den Himmel, wo die jetzt hängen und funkeln.
So entstanden die Sterne.
Aus Ymirs Leiche krochen kleine Würmer, die der Ursprung der Zwerge und Unterirdischen waren, die in Grotten und Höhlen lebten. Die Asen wählten vier von ihnen, die die vier Ecken der Welt bewachen sollten. Diese Zwerge heißen
Austre (der östliche), Vestre (der westliche),
Nordre (der
nördliche) und Sydre (der südliche). So bekam alles Ziel und Sinn.
Die Erschaffung der Menschen:
Als Odin und seine Brüder Vilje und Ve einmal am Meeresstrand spazieren gingen, fanden sie zwei an Land gespühlte Baumstämme. Sie nahmen sie und schufen die Menschen daraus. Odin hauchte ihnen Leben und Atem ein,
Vilje gab ihnen Verstand und Bewegung, und Ve gab ihnen Antlitz, Sprache, Gehör und Gesicht. Sie gaben ihnen Wärme und Farbe. Aus den Treibholzstämmen wurden Mann und Frau. Die Asen nannten sie
Ask (Esche) und Embla (Ulme oder
Rebe?). Von ihnen stammen alle Menschen ab.
Die Entstehung der Zeit:
Am Anfang gab es keine Zeit; alles stand seltsam still.
Aber die Asen gaben der Riesenfrau Natt (Nacht), welche schwarz wie ihr
Geschlecht war, und ihrem Sohn Dag (Tag), welcher einen Asen zum Vater
hatte und schön und strahlend war wie sein Geschlecht, jeweils ein Pferd und einen Wagen und setzten sie an den Himmel, so daß sie jeden Tag und jede Nacht um die Welt fahren konnten. Natt fährt vorweg. Ihr Pferd heißt
Rimfakse. Es hat Rauhreif (Rim = Rauhreif) in der Mähne, und der Tau, der sich jeden Morgen auf Felder und Wiesen senkt, sind Schaumtropfen aus seinem Zaumzeug. Hinter ihr fährt ihr Sohn Dag. Sein Pferd heißt
Skinfakse, denn aus seiner Mähne strahlt und leuchtet es (Skin =
Schein, Leuchten),
so daß die Luft und Erde erleuchtet wird. Daraufhin wurden auch Sonne und Mond aus Funken aus Muspellsheim geschaffen und in einen Himmelswagen gesetzt. Zwei Kinder haben die Aufgabe, darauf zu achten, daß sie nicht herausfallen und die schnellen Pferde zu lenken. Zwei riesige Wölfe sind ihnen ständig auf den Fersen und wollen Sonne und Mond verschlingen. Irgendwann... irgendwann gelingt es ihnen vielleicht.
Die Entstehung der Erde:
Am Anfang war alles Urwald und Einöde. Aber die Asen schufen Lebensraum für sich selbst und uns. Die Wohnstätte der Menschen nannten sie
Midgard (Mittelwelt), da sie mitten in der Welt liegt. Und damit die Menschen sich nicht allein und verlassen fühlen sollten, bauten die Asen im Zentrum Midgards
für sich eine gewaltige Götterburg, die
Asgard (Götterwelt) heißt. Mitten
in der Burg war der Hügel Idavollen, und hier bauten sie zwei herrliche
Säle: Gladsheim (mit einem Thron für Odin und die zwölf vornehmsten
Asen) und
Vingolf (mit einem Thron für Frigg und die Asinnen). Der vornehmste Saal in
Asgard ist jedoch Valhall (Walhalla), der güldene Saal der Asen und der Einherjer
(gefallene Helden, siehe weiter unten). Die
Walhalla hat 640 Türen, von denen jede so groß ist, daß 960 Einherjer
gleichzeitig nebeneinander hindurchgehen können.
Um nach Asgard zu gelangen, muß man über einen Regenbogen reiten, eine Brücke aus loderndem Feuer. Auch um Midgard herum wurde ein Schutzwall angelegt, denn draußen im Wilden und Unbekannten herrschen Dunkelheit und unheimliche Kräfte. Hier in
Utgard (Außenwelt) und Jøtunheim
(Riesenheim) wohnen die Riesen und Trolle. So hat alles seine Ordnung - wie die Jahresringe eines Baumes. Und ganz weit draußen, an allen Kanten, wogt das große Weltmeer.
Es gibt auch Zwerge und Elfen. Sie haben ihre Wohnstätten in Felswänden, zwischen Felsblöcken und häufig auch im Inneren der Erde an versteckten Orten in Midgard und Utgard. Zwergen kann man nie so ganz trauen, obwohl sie tüchtige Schmiede
sind; Elfen jedoch sind den Göttern als auch den Menschen freundlich gesinnt. Zwerge
arbeiten nicht gern für die Menschen oder Götter, und wenn sie einmal dazu gezwungen
sind, versehen sie ihr Werk gern mit einer Art unheilbringendem Zauber, so daß der
Besitzer später wenig Freude daran hat. Die Asen haben all ihre wunderbaren
Waffen und Schätze den Zwergen zu verdanken. Das Land der Zwerge und Elfen wird
Alfenheim genannt. Über Zwerge und Elfen herrscht große Unsicherheit, und man weißt nicht, ob Alfenheim in Midgard oder Asgard liegt. Einige meinen sogar, Zwerge und Elfen gehören zu dem gleichen Geschlecht, und daß sie "Schwarzalfen"
(Zwerge) und "Lichtalfen" (Elfen) heißen.
Einst gab es neben den Asen noch ein weiteres Göttergeschlecht, die Wanen. Sie wohnten in
Wanaheim. Ihre Burg wurde jedoch dem Erdboden gleichgemacht, und heute weiß kein Mensch mehr, wo sie gelegen hat.
Das Zentrum der Welt ist die riesige Weltesche Yggdrasil, die von den Asen mitten in Asgard gepflanzt wurde. Ihre Wurzeln reichen in alle Teile der Welt, eine liegt in Asgard, eine in Jøtunheim und eine in Niflheim. Ihre Zweige überschatten die ganze Welt, und so lange Yggdrasil grün und fruchtbar ist, wird die Welt bestehen.
In unmittelbarer Nähe einer Quelle in Asgard leben die drei Schicksalsgöttinen Urd, Wernandi und Skuld. Sie werden
Nornen genannt. Die Nornen spinnen das Garn des Schicksals eines jeden lebenden Wesens und wissen, wie es jedem ergehen
wird (ohne daß sie es beeinflussen können).
Die Götter im Einzelnen:
Odin ist das Oberhaupt der Asen. Er ist weise und des Zaubers mächtig; der König der Götter. Sein Tag ist der Onsdag
(Odins Dag - Mittwoch). Seine Frau heißt
Frigg; ihr Tag ist der Fredag (Friggs Dag -
Freitag). Odins Pferd heißt Sleipnir
und hat acht Beine (siehe unter Loki).
Odin hat auch zwei Raben - Huginn und Muninn. Jeden Morgen fliegen sie um die Welt, um zu sehen und zu hören, und am Abend kommen sie heim und tragen Odin alle Neuigkeiten zu. Odins Speer heißt Gungnir, und er trifft jedes Ziel. Von Odins Ring - Draupnir
(Träufler) - tropfen jede neunte Nacht acht gleich prachtvolle Ringe ab. Odin hat nur ein Auge. Das andere verpfändete er einst in seiner Jugend an den Riesen
Mimir, um aus der wunderbaren Quelle der Weisheit trinken zu dürfen, die Mirmir bewachte. Später wurde Mimir enthauptet und Odin fand das blutige Haupt des Riesen und salbte es mit heilenden Kräutern. Sofort konnte er wieder sehen und sprechen. Seitdem ist Mimirs Kopf einer der besten Berater Odins.
Odins Sohn Thor ist der zweitmächtigste der Götter. Sein Tag ist der Torsdag
(Donnerstag). Thor ist stark und hitzig und geht nie einer Möglichkeit aus dem Weg, mit Riesen oder Trollen einen Kampf auszufechten.
Obwohl Tyr, dessen Tag der Tirsdag (Tyrs Dag -
Dienstag) ist, ihn vielleicht an Mut übertrifft, gibt es auf der ganzen Welt niemanden, der so stark ist wie Thor. Sein Hammer -
Mjøllnir - ist die gefährlichste Waffe im Himmel und auf Erden. Thor kann ihn so klein oder groß machen, wie er will. Wirft er den Hammer, trifft dieser alles, worauf der Gott zielt und kehrt immer wieder in seine Hand zurück. Wenn Thor auf Reisen geht, spannt er
Ziegenböcke statt Pferde vor den Wagen. Selbst wenn die Böcke am Abend geschlachtet werden, sind sie am nächsten Morgen wieder quicklebendig - vorausgesetzt, man achtet genau darauf, beim Essen keinen einzigen ihrer Knochen zu brechen und alle Reste zu sammeln und sie nach Beendigung der Mahlzeit schön säuberlich in ihr Fell zurückzulegen. Wenn Thors Wagen am Himmel entlangfährt, haben wir Gewitter
(Thor = Donner).
Thor zog mehrmals nach Jøtunheim aus, um seinem Haß gegen die Riesen Luft zu
machen und einige von ihnen zu töten. Bei diesen Reisen war meist Loki sein (augenscheinlicher?)
Freund und Begleiter. Einmal wurde Thor im Schlaf von dem Riesen Trym sein
Hammer gestohlen. Loki borgte sich von Freyja die Falkenfedern (siehe
unter Freyja) und flog nach Jøtunheim, um Thor zu helfen. Trym
wollte nämlich Freyja zur Frau haben, und so verkleidete sich Thor als Freyja.
Beim Hochzeitsmahl im Riesenreich wird endlich auch Mjøllnir als Brautgeschenk
herbeigebracht, und kaum hat Thor seinen Hammer wieder, erschlägt er zuerst
Trym und dann sein ganzes Geschlecht.
Thors Frau heißt Sif. Ihr Haar ist aus Gold (nachdem
Loki es ihr einmal abgeschnitten hatte, befahl Tor den Zwergen, für Sif
goldenes Haar herzustellen, und es wuchs fest, sobald es an ihren Kopf kam), und von allen Göttinnen ist nur die Liebesgöttin Freyja schöner als sie.
Freyja verreint Schöpferkraft und Destruktivität in ein und der selben
Gottheit. Sie lehrte die Götter das Zaubern und besitzt ein magisches Falkengewand, mit dem sie sich jederzeit in einen Raubvogel verwandeln kann. Jeder, der in Herzensangelegenheiten Rat und Trost sucht, wendet sich an
Freyja. Doch sie hat selbst einen für alle Zeiten und Ewigkeiten währenden Liebeskummer. Ihr Ehemann
Od hat sie verlassen und ist seiner Wege gegangen, und niemand weiß, wohin.
Freya weint oft bittere Tränen um ihn, und ihre Tränen sind jedesmal aus reinstem Gold.
Freyja fährt in einer Kutsche, vor die zwei Katzen gespannt sind. Sie besitzt
den herrlichen Brustschmuck Brisingamen.
Freyjas Bruder heißt Frey. Dieser Name bedeutet "der Herr" oder "der Vornehmste". Er ist der Gott der Fruchtbarkeit. Eigentlich stammen sowohl er als auch Freyja aus dem Geschlecht der Wanen
(also dem Göttergeschlecht, mit denen die Asen einst am Anfang aller Zeiten um die Weltherrschaft kämpften). Das Geschwisterpaar
kam ursprünglich zusammen mit seinem alten Vater als Geiseln zu den Asen. Frey
besitzt den phantastischen Eber mit den goldenen Borsten Gullinborsti, das
Schwein, das sich zu Lande, zu Wasser und in der Luft gleich gut bewegen kann!
Und er besitzt das magische Schiff Skibladnir, das immer nur in
achterlichem Wind fährt, und das man nach Verwendung wie ein Tischtuch
zusammenfalten und in einen Beutel stecken kann.
Bei den Göttern in Asgard gibt es zahlreiche andere herrliche Schätze, von
denen die magischen Äpfel, die die Göttin Idun hütet, die kostbarsten
sind. Es sind die Äpfel der ewigen Jugend, von denen die Götter hin und wieder
ein Stück essen müssen, um unsterblich zu bleiben.
Heimdall, ebenfalls ein Sohn Odins, wurde vor Urzeiten auf wunderbare Weise von
neun (!) Riesenmädchen geboren und ist der Wächter der Götter. Er wohnt am
Himmelsberg und bewacht die nach Asgard führende Regenbogenbrücke Bifrøst.
Heimdall braucht weniger Schlaf als ein Vogel, er sieht nachts genauso gut wie
am Tage und kann das Gras wachsen hören. Heimdall besitzt das Horn Gjallarhorn,
in das er am letzten Tage blasen soll, um die Asen zum letzten großen Kampf
gegen Trolle und dunkle Mächte zu den Waffen zu rufen.
Heimdall und Loki sind Todfeinde. Einmal stahl Loki den Schmuck Brisingamen von
Freyja und versteckte ihn im Meer bei Singastein, wo er ihn in die Obhut einer
Robbe gab. Heimdall jedoch verwandelte sich in eine Robbe und zwang Loki, den
Schmuck wieder herauszugeben. Die Weissagung lautet, daß Heimdall und Loki
einst bei Ragnarøk einander umbringen werden.
Balder ist der Sohn von Odin und Frigg und der Gott der Unschuld. Er ist
blond und schön und bekannt für seine
Freundlichkeit, Milde und Klugheit. So lange er lebte, konnten Gewalt und
Bosheit unter den Göttern nicht siegen. Doch die Zeit kam, daß Balder schlecht träumte und Angst
bekam,
zu sterben. Dank seiner Mutter jedoch, der mächtigsten aller Göttinnen von
Asgard, schwörten alle lebenden und nicht lebenden Wesen und Dinge, Feuer und
Wasser, Eisen und Steine, die Erde, die Bäume, Krankheiten, Tiere und Drachen, daß sie
ihm niemals etwas antun würden. Nun fühlten sich alle Asen sicher und
beschlossen, daß Balder vor die Versammlung treten solle, während sie mit allerlei Sachen auf
ihn schießen würden. Der Intrigant Loki jedoch verwandelte sich in eine alte
Frau und ging zu Frigg, um scheinheilig herauszufinden, ob wirklich nichts und
niemald Balder schaden könne. Frigg hatte nämlich den Mistelzweig nicht schwören lassen, da er ihrer Meinung nach zu
jung war, um einen Eid abzulegen. Dies erfuhr der verkleidete Loki von Frigg und schnitt den
Mistelzweig ab. Er ging zurück in die Versammlung und fragte Balders blinden
Bruder Hød, warum er nicht schieße. Ich sehe ja nicht, wo er ist,
antwortete Hød. Ich zeige es dir, sagte Loki, du sollst wie alle anderen auch
schießen dürfen. Er gab Hød den Mistelzweig und führte ihn direkt hinter
Balder, wo Hød ihn nicht verfehlen konnte. So wurde Balder getötet. Dies ist
das größte Unglück, das jemals die Götter und Menschen gerammt hat. (Man
bemerke die feine Parallele zum Christentum, daß ausgerechnet der schuldloseste
und reinste, und dazu Sohn des obersten Gottes, wegen der Bosheit anderer
sterben mußte. Balder gilt auch als Beweis, daß schon in so alten Zeiten, zu
denen die norrøne Mythologie entstand, sich die Menschen zu etwas Höherem
aufringen konnten.) Odin trug Balders Tod am schwersten, denn er war
der weiseste unter den Asen und konnte am ehesten einschätzen, wie groß der
Verlust Balders war.
Die Asen sandten berittene Boten ins Totenreich, damit sie Hel fragen sollten,
was sie für Balders Rückkehr verlange. Hel, die Königin des Totenreiches,
sagte, wenn
die ganze Welt um Balder weine, solle er wieder lebendig werden. Und alle Dinge
und Wesen, selbst die Steine und Bäume, versuchten (vergeblich), den Toten ins
Leben zurückzuweinen, denn Loki als einziger verwandelte sich in einen Zwerg
und weigerte sich, zu weinen. Was Hel habe, das solle sie behalten, sagte er.
Die Feinde der Götter und Menschen:
Das sind die Hrimthursen, alslo die Trolle und Riesen (Jøten). Sie wohnen in
Utgard und Jøtunheim, in der Einöde und im rauhen Gebirge. Sie sind die
Chaoskräfte, häufig große und starke Kerle. Der einzige unter den Asen, der
ihnen wirklich gewachsen ist, ist der Donnergott Thor. Die Riesen sind aber wie
niemand sonst der Zauberkunst mächtig. Die Jøtenfrauen reiten auf Wölfen,
deren Zaumzeug aus Kreuzottern besteht. Sie können häßlich wie die Nacht und
echte Monstren, aber auch unglaublich schön sein, und so herrlich, daß selbst
Odin sich mehr als einmal zur Brautwerbung und wilden Liebesabenteuern hat
verlocken lassen.
Loki ist der Unruhestifter und Intrigant unter den Asen. Ursprünglich
ein Riese, hat er jedoch in jungen Jahren sein Blut mit dem Odins vermischt und
wurde deshalb in den Kreis der Götter aufgenommen. Loki ist ein Spaßvogel, der
jedoch die Asen verrät und die Ursache für Balders Tot ist. Dafür wird er
bestraft, in dem er gefesselt wird und eine Schlange über ihm giftigen und
ätzenden Eiter auf sein Gesicht träufelt. Seine Frau Sigyn aber ist
treu. Geduldig steht sie neben ihm und hält eine große Schüssel, die den
Eiter auffangen soll. Ab und zu aber muß sie sich entfernen, um die Schüssel
auszuleeren. Dann tropft der Eiter direkt auf Lokis Gesicht, und er schüttelt
den Kopf so stark, daß die ganze Erde bebt.
Loki hat Kinder in Asgard. Außer denen hat er aber noch andere und seltsamere
Sprößlinge. Mit der Riesin Angrboda ist er der Vater des Fenriswolfs,
der Midgardschlange Jørmundgand und der Hel, der Göttin des
Totenreichs. Und mit dem Hengst Svadifare wurde er Mutter (!) des Pferdes
Sleipnir, und das kam so: Die Götter brauchten eine
schützende Mauer um Asgard, falls es den Jøten gelingen sollte, in die Welt
der Menschen einzudringen. Doch nur ein Jøte seinerseits war im Stande, eine
solche Mauer zu bauen. Der Riese, welcher sich auf Lokis Vermittlung erbot, die
Mauer innerhalb eines Jahres zu bauen, verlangte Sonne, Mond und Freyja als
seinen Lohn. Die Asen glaubten, dies versprechen zu können, da man unmöglich
eine solche Mauer so schnell bauen konnte, und der falsche Loki riet ihnen, auf
die Bedingungen einzugehen. Doch der Mauerbau ging viel schneller vor sich, als
man erwartet hatte, weil das starke Pferd Svadifare, welches der Riese besaß,
des Nachts Steine heranzog, die so groß wie Berge waren. Als es nur noch drei
Tage waren, bis das Jahr um war, war der Riese fast fertig mit der Mauer - es
fehlte nur noch ein kleiner Spalt. Nun saßen die Asen fürchterlich in der
Klemme, denn sie
konnten um keinen Preis Mond, Sonne und Freyja herausgeben. Sie drohten Loki mit
dem Tod, wenn er nicht einen Ausweg ersänne. Loki verwandelte sich in
eine Stute, die wiehernd aus dem Wald kam, als Svadifare gerade dabei war,
Steine zu ziehen. Letzterer riß sich los und lief schnurstraks hinter der Stute in den
Wald hinein, und der betrogene Baumeister hinterher. In dieser Nacht wurden
keine Steine herangezogen und so die Arbeit unterbrochen. Der Baumeister wurde
zornig, doch Thor erschlug ihn mit seinem Hammer, und die Stute - oder Loki -
gebar Sleipnir, das schnellste Pferd der Welt, welches grau war und 8 Beine
hatte..
Der Fenriswolf ist der größte und grausamste unter allen Wölfen. Er wuchs in
Asgard auf, wurde aber bald so riesengroß, wild und wahnsinnig, daß nur
der Gott Tyr es wagte, ihm Futter zu geben. Den Asen beauftragten die Zwerge, in Maßarbeit eine Fessel herzustellen, bei der sechs Bestandteile
Verwendung finden sollten: der Schall des Katzentritts, der Bart der Frauen, die
Wurzeln der Berge, der Atem der Fische und der Speichel der Vögel (deshalb
gehen die Katzen lautlos, die Frauen haben keinen Bart mehr usw...).
Mit dieser List gelang es, den Fenriswolf so fest zu fesseln, daß er sich kaum
rühren konnte, und ihm ein Schwert in den Rachen zu klemmen, so daß er nur
bewegungslos und mit weitgeöffnetem Rachen dasteht, ohne zubeißen zu können.
Am Ende der Welt jedoch wird er sich endlich losreißen können, um gegen die
Asen ins Feld zu ziehen.
Das zweite Kind, das Loki mit der Riesenfrau Angrboda bekam, war eine Schlange.
Die Asen warfen sie ins Meer, wo sie mit der Zeit so unbeschreiblich groß
wurde, daß man sie von da an Midgardschlange nannte, denn sie umgibt die
ganze Menschenwelt und beißt sich selbst in den Schwanz. Auch sie wird am Ende
der Welt gegen die Asen kämpfen.
Dennoch fragt es sich, ob nicht das letzte der drei Kinder Lokis und Angrbodas
den Asen und Menschen den größten Kummer bereitet hat. Es handelt sich um ein
unheimliches Mädchen, halb von normaler Hautfarbe, halb blauschwarz. Sie wurde aus Asgard
verwiesen und schuf hoch im Norden ein unterirdisches Totenreich, eine
graue und feuchte Welt. Das Mädchen heißt Hel, und Hel heißt auch ihr
Totenreich. Hierher kommen alle, die an Krankheit oder Altersschwäche sterben,
und hier "leben" sie ein verborgenes Schattendasein. Die Totengöttin
selber erinnert an einen Kadaver. Die dunklen und tiefen Täler um ihr Reich
nennt man Helvegir, und um dorthin zu kommen, muß man über den Fluß Gjøll
(der rauschende, stürzende). Über den Gjøll führt die goldene Brücke Gjallarbru,
die der einzige Zugang zur Hel ist. Sie wird von dem Höllenhund Garm
bewacht, der jedes Wesen, komme es aus dem Totenreich oder aus der Welt der
Lebenden, zerreißt. (Wenn man in alten
Zeiten meinte, "Wiedergänger" gingen um, so hieß es häufig:
"Die Pforte zur Hel steht offen.").
Mitten in Niflheim steht der Brunnen Hvergelmir, wo der Lindwurm Nidhøgger
liegt. Die Ufer des Brunnens nennt man Nåstrond (Leichenstrand).
Dies ist der unheimlichste Ort in Niflheim. Hier nagt Nidhøgger an der Wurzel der
Yggdrasil und fügt ihr beständig
Schaden zu. Doch fast so schnell, wie er sie zerstört, heilt sie wieder zu. (Doch nur fast so schnell, und irgendwann wird er sie durchnagt haben, und dann
ist Ragnarøk nicht fern). Am Ende der Welt werden
Hel und ihr Heer von Toten gegen die Asen kämpfen.
Diejenigen, die tapfer auf dem Schlachtfeld sterben, kommen nach ihrem Tod zu
Odin oder Freyja. Der Götterkönig sendet Kampfjungfrauen aus, die auch Walküren
("die die Gefallenen küren") genannt werden, um die gefallenen Helden zu sich holen zu lassen. Die Walküren
sind bewaffnet und können durch die Luft reiten. In Asgard teilen Odin und Freyja den Kriegerhaufen unter sich auf. Die eine Hälfte kommt zu Odin in die
Valhall,
die andere Hälfte zu Freyja nach Folkvang. Die Einherjer sind viele, und
es werden ständig mehr.
Über das Leben in Folkvang wissen wir nicht viel, außer daß es dort den
großen Saal Sessrymnir gibt. Über das Dasein in der
Walhalla aber gibt es viele Berichte. Es ist der Festsaal einer riesigen
Soldatenkaserne, wo sich die Helden den ganzen Tag nach Lust und Laune schlagen
dürfen, und es dabei spielt keine Rolle, ob sie im Kampf Arme oder Beine
verlieren, denn am Abend erheben sie sich wieder unversehrt und im Besitz aller
ihrer Glieder. Als Freunde und in göttlichem Einvernehmen ziehen sie in den
mächtigen Festsaal ein, wo schöne Walküren ihnen Met einschenken und
gekochtes Schwein servieren. Und auch das Schwein selbst, das sie verzehren, ist
ziemlich einmalig. Sährimnir heißt es und wird jeden Tag geschlachtet
und verspeist; am Abend jedoch ist es wieder quicklebendig.
Am letzten Tag wird Odin die Asen und die toten Helden, genannt Einherjer,
in die letzte große
Schlacht gegen die Riesen und die Mächte der Finsternis führen. Er selbst wird
dabei gegen den Fenriswolf kämpfen, und die Bestie wird ihn verschlingen. So
lautet die Weissagung.
Wie die Welt enden wird:
In der Zeit vor Ragnarøk (das bedeutet:
"die Zeit, in der sich alle Mächte auflösen"), dem
Weltuntergang, wird auf der Erde Mangel und
Unfrieden herrschen. Brüder fallen einander in den Rücken, und der Sohn
verschont seinen eignen Vater nicht. Das Ende der Welt wird durch einen
grausamen, bitteren Winter angekündigt, der drei Jahre andauern wird und Fimbulwinter
heißt. Gebirge stürzen ein, und alle Fesseln werden reißen. Dann werden die
Himmelswölfe die Sonne und den Mond verschlingen, und auch der Fenriswolf wird
sich losreißen. Er wird mit aufgerissenem Rachen durch die ganze Welt laufen,
wobei sein Unterkiefer die Erde und sein Oberkiefer den Himmel berührt. In
seinen Augen brennt, und aus seinen Nasenlöchern züngeln Flammen.
Auch Loki wird freikommen. Er wird ein unheimliches Schiff auftakeln, das Naglfar
heißt und aus den ungeschnittenen Nägeln vorstorbener Seelen erbaut ist (deshalb
soll man die Nägel der Toten schneiden, damit Naglfar später fertig wird). Mit
zerfetzten Segeln und einer Besatzung verwester Leichen wird Loki mit diesem
Schiff das Totenreich seiner Tochter verlassen...
Und die Midgardschlange wird sich aufs Land wälzen und sich über Felder und
Wiesen vorwärtsschlängeln. Im Süden birst der Himmel, und aus dem Land
dahinter, dem unbekannten und bedrohlichen Muspellsheim, dem Feuerland, welches
lange bevor Odin und seine Brüder die Welt schufen, existierte, kommt ein
gewaltiges Heer von gepanzerten, glänzenden Reitern. Sie tragen
Flammenschwerter in ihren Händen und setzen alles in Brand, wo sie
vorbeistürmen. Und die große Regenbogenbrücke Bifröst stürzt unter ihrem
Gewicht ein.
Auf der Ebene Vigrid (hundert Meilen breit und hundert
Meilen lang) wird die letzte, entscheidende Schlacht stattfinden. Odin wird vom
Fenriswolf verschlungen. Thor und Jormundgand, die Midgardschlang, bringen
einander um. Frøy wird von Surt, dem Anführer der Feuerreiter, erschlagen, und
Tyr und Garm bringen einander um; Heimdall und Loki ebenso. Die ganze Welt brennt. Selbst Yggdrasil,
die Weltesche, steht in Flammen.
Wenn der Feuersturm ausgetobt hat, ist die ganze Welt eine qualmende
Brandstätte. Die verbrannten Reste versinken im Meer und verschwinden.
Doch aus dem Meer wird sich eine neue Erde erheben, grün und wunderbar, wo das
Korn wächst, ohne daß jemand gesät hat.
Auf dem Hügel Idavollen, wo vorher Asgard gestanden hat, sammeln sich die Asen,
die überlebt haben. Dies sind Vidar, Våle und die Thor-Söhne Mode
und Magne. Hierher kommen Balder und Hød aus der Hel, und Høne,
der aus Wanaheim zurückkommt. Sie leben noch heute dort. Mode und Magne haben
nun Thors Hammer Mjøllnir, da aller Streit vorbei ist.
Ein
einziges Menschenpaar hat überlebt. Sie sind Bruder und Schwester und heißen Lif und Lifthrasir.
Sie suchten Zuflucht an einem Ort, wo der Feuersturm vorüberraste, ohne sie
aufzuspüren, und das Meer gab sie lebend zurück. Lange hatten sie sich nur vom
Morgentau ernährt. Von ihnen wird ein neues Menschengeschlecht kommen.
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