Wanderferien in Norditalien. 

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Im August 1999 fuhr ich zum ersten Mal auf eine Wandertour außerhalb Norwegens, und war natürlich sehr gespannt. Das Ziel waren die Alpen, aber wo in den Alpen hatte ich keine Ahnung, denn ich kannte mich ja überhaupt nicht dort aus. Mehr oder weniger zufällig war die Wahl auf die Aosta-Region im Nordwesten Italiens gefallen, eigentlich hauptsächlich deshalb, weil ich gern einmal einen 4000er besteigen wollte und der Gran Paradiso (4061 m), welcher in der Region liegt, zu den einfacheren 4000ern der Alpen gehört. 
Zusammen mit meinem Bruder und einem Bekannten reisten wir den langen Weg von Norwegen nach Italien mit dem Auto. Wir verließen Larvik mit der Nachmittagsfähre an einem Samstag und kamen spät abends in Frederikshavn in Dänemark an. Abgesehen von einigen kurzen Pausen fuhren wir die ganze Nacht durch. Durch Deutschland machten kräftiger Regen und viel Verkehr das Fahren ziemlich anstrengend, doch wir kamen weiter und weiter südlicher. Gegen 07.00 Uhr morgens genossen (?) wir ein kurzes Frühstück bei Frankfurt und um 12.00 Uhr passierten wir bereits den St. Bernhard-Paß bei strahlendem Sonnenschein, nachdem wir beinahe die ganze Schweiz hindurch nur Nebel und Regen hatten. Die Aussicht zum Gran Paradiso und nicht zuletzt zum Mt. Blanc (4807 m) war fantastisch. 
Wir waren alle müde, konnten aber der Versuchung zu einer kleinen Wanderung nicht widerstehen. Wir stiegen auf einen 2600 m hohen Berg - für norwegische Verhältnisse schon eine recht ansehnliche Höhe, doch es war wie auf  1300-1400 m zu Hause: warm, grüne Vegetation und nur einige wenige Schneereste. Vom St. Bernhard auf fast 2500 m Höhe geht es 2000 Höhenmeter hinunter ins Aostatal, wovon auch ein etwas verbrannter Geruch von den Bremsen zeugte. Wir hatten eigentlich keine konkreten Pläne oder eine Ahnung, wo wir hinsollten, doch in Aosta kauften wir uns eine Karte und holten von der Touristeninformationen am Marktplatz Informationen ein. Zusätzlich zu einigen Ausdrucken aus dem Interet war das alles, was wir hatten.  
Wir fuhren zum Campingplatz in Pont in dem schönen Tal Val di Rhemes, von dem ich im Internett gelesen hatte. Wir checkten ein und entschlossen uns, am nächsten Tag einen Akklimatisierungstag einzulegen. 
Als wir am Montag aufwachten, war blauer Himmel und herrliches Wetter. Die hohen Berge warfen allerdings einen kühlen Schatten aufs Zelt. Zusammen mit vielen anderen Wanderern folgten wir dem schönen, breiten Wanderweg hinauf zur Berghütte Refugio Vittorio Emanuel II auf 2730 moh, ein Aufstieg von fast 800 Höhenmetern von Pont aus. Nach einer kurzen Pause in der Sonne gingen wir weiter in Richtung Moncorve-Gletscher, doch binnen kurzewr Zeit schlug das Wetter dramatisch um und bald goß es in Strömen, und noch schlimmer: es blitzte und donnerte ununterbrochen. In offenem Gebirgsgelände fühlt man sich den Blitzen immer besonders ausgesetzt. An diesem Tag kamen wir nicht höher als ca. 3000 m. Den Rest des Tages regnete es, und wir warteten im Zelt und im Auto nur darauf, daß es aufhörte. Gegen Abend klarte es dann etwas auf, und die Gipfel wurden wieder sichtbar, diesmal mit einem Schleier frischen, weißen Neuschnees. Wir entschlossen uns zu dem Versuch, am nächsten Tag den Gran Paradiso zu besteigen, da wir nicht so viele Tage zur Verfügung hatten. Der Wecker wurde auf 04.00 Uhr gestellt, da wir von unten in Pont auf 1956 m Höhe aus starteten (die allermeisten, die den Gran Paradiso besteigen, starten nach einer Übernachtung im Refugio Vittorio Emanuel II auf 2730 m von der Hütte aus).  

Gran Paradiso: Mit großen Schwierigkeiten und Unwillen reagierten wir auf das leise und wenig verlockende Signal des Weckers am nächsten Morgen. Kalt und etwas abwesend krochen wir etwas nach 04.00 Uhr aus unseren Schlafsäcken. Wir fummelten unsere Sachen zurecht und starteten rund 05.00 Uhr. Es war ziemlich dunkel, doch die Augen gewöhnten sich mit der Zeit daran, und wir brauchten keine Taschenlampe. Vom Campingplatz aus überquerten wir den Fluß ostwärts und folgten dem Ufer rund einen Kilometer südwärts, bevor der Weg sich steil durch den Nadelwald emporwindet, der hier bis weit über 2000 m Höhe wächst. Im Gegensatz zu Norwegen, wo der Nadelwald von Moorbirkenwald und später Zwergsträuchern abgelöst wird, war hier ein recht abrupter Übergang von dem hohen Nadelwald zu kurzem Gras und Heidevegetation. 
Kurz vor sieben kamen wir zur Hütte und aßen ein schnelles Frühstück. Es war kalt, und wir begannen schnell zu frieren. Hier trafen wir auch die ersten Menschen, die morgenmüde aus der Hütte taumelten, bevor sie mit ihren Teleskopstöcken (eine Seltenheit in Norwegen, aber sehr verbreitet in den Alpen) ruhigen Schrittes den Aufstieg begannen. Wir hatten gelesen, daß es geraten war, so zeitig wie 05.00 - 06.00 Uhr aufzubrechen (aus unbekanntem Grund - vielleicht wegen der Schneeverhältnisse?), und nun war es schon halb acht und wir befanden uns offensichtlich unter den letzten, die in Richtung Gipfel aufbrachen. Wir konnten leider kein Italienisch, und es zeigte sich, daß englichsprechende Italiener sehr selten waren, so daß wir bescheidene Norweger nicht gerade den großen Kontakt zu den lokalen Bergwanderern bekamen. Doch in der Hütte gab es einen deutlichen Aushang, welcher besagte, daß die Route auf dem südlichsten der beiden Gletscher no no (durchgestrichen) war, während die Route deutlich auf dem Bergrücken zwischen den beiden Gletschern und später auf dem nördlicheren bergan eingezeichnet war. (Später konnten wir uns davon überzeugen, daß dies eine Fehlinformation der schlimmsten Sorte war).  
Wir starteten in unserem optimistischen norwegischen Tempo im Geröll nordöstlich der Hütte bergan und passierten schnell mehrere Wanderer. Nach einer Weile folgten wir einem Moränerücken zu dem oben erwähnten Bergrücken zwischen den beiden Gletschern, wie unten in der Hütte deutlich eingezeichnet war. Wir wunderten uns allerdings darüber, daß alle anderen in dem Gletschertal rechts von uns und auf den Gletscher gingen, der infolge der Routenbeschreibung in der Hütte no! no! war. Wir hielten uns trotzdem gewissenhaft an die angegebene Route, obwohl der Zweifel etwas zu nagen begann. Oben auf dem Bergrücken gab es einige Spuren und Markierungen, die uns beruhigten. Die Sonne stieg am Himmel empor, und die ersten Sonnenstrahlen hatten schon längst den Mt. Blanc im Nordwesten erreicht. Wir gingen immer noch im Schatten, und die dünne Schicht Neuschnee vom Vortag war immer noch hart und trocken. Wir hatten schon festgestellt, daß der sehr aufgesprungene, faltige Gletscher im Norden für uns nicht in Frage kam, und hofften, auf dem immer schmaleren Bergrücken zwischen den zwei Gletscherarmen aufsteigen zu können. Als wir allein bergan strebten, konnten wir unter uns all die anderen Gruppen sehen, die auf dem südlichen Gletscherarm weit unter uns gingen  (die no! no!-Route). Wir erreichten aber schnell einen Punkt auf rund 3300 m, wo es bombenfest stand, daß wir hier nicht weiter kamen und wir den falschen Weg gegangen waren. Eine Besteigung unten von Pont aus in dieser Höhe, unakklimatisiert wie ich war, war sowieso schon das äußerste für mich. Noch einmal 500 Höhenmeter hinunterzugehen und dann von vorn zu beginnen, kam mir undenkbar vor, und als ich zum Gran Paradiso emporschaute, wie er hoch über uns in der Morgensonne stand, breitete sich eine große Enttäuschung in mir aus. 

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