WANDERUNG IM AURLANDSDALEN



 

 Aurlandsdalen 20-21.07.2002:

Im Sommer 2002 war eins unserer großen Wanderziele, die Kernetappe durch das Aurlandsdalen zu gehen. Eigentlich war der Juni dafür vorgesehen, doch aufgrund des Wetters sollte es bis zum 20.07. dauern, bevor wir aufbrechen konnten. 

Als wir von Fagernes losfuhren, war das Wetter das strahlend schön, und es hielt sich auch so die ganze Fahrt über Gol, Hol und hinunter nach Vassbygdi () bei Aurland. Hier befindet sich ein Servicegebäude mit Toiletten, Warteraum etc. und ein großer Parkplatz - ein guter Ausgangspunkt für alle, die das Tal aufwärts gehen möchten. Nun gehen allerdings 95% derjenigen, die her wandern, talabwärts, und dies ist gut so, denn bei den Menschenmassen, die im Sommer hier unterwegs sind, würde es wohl sonst knapp mit Parkplätzen sein.  
Mit dem Aurlandsdalselvi als murmelndes Hintergrundgeräusch, Vogelgezwitscher im Vordergrund und einem blauen Sommerhimmel setzten wir uns die Rucksäcke auf und begannen die anstrengende Wanderung talaufwärts.

Zuerst folgten wir dem Wirtschaftsweg eine knappe Viertelstunde, bevor der Wanderweg begann. Es ging zuerst ein Stück relativ flach, bevor der erste zähe Anstieg kam. Mit schweren Rucksäcken und bei warmer Sommerluft wurde uns richtig warm, ja wir kochten nahezu über. Hier zu Beginn war der Weg richtig gut, und wir konnten nicht klagen, obwohl es uns jedesmal ärgerte, wenn es ein Stück runterging statt hoch, denn wir mußten ja anschließend diese Höhenmeter zusätzlich wieder bergan! Auf der gegenüberliegenden Talseite verschwand nach und nach die Mündung des Stonndalens hinter uns. Wir befanden uns nun wirklich im Aurlandsdalen.
An einer Stelle kamen wir an merkwürdigen Drahtseilen vorbei. Später erfuhren wir, daß an diesen früher die Heumaht von Sinjarheim hinunterbefördert wurde.  
Schon bald tauchte ein schöner Wasserfall auf. Der Grovselvi () teilt sich in drei deutliche Schleierfälle und bildet eine sehr schöne Kulisse. Der erste alte Hof, den wir erreichten, war Almen (). Das Besondere an Almen ist seine Lage. Um Steinschläge und Lawinen von den steilen Berghängen zu vermeiden, baute der Bauer sein Haus dicht unter einen überhängenden Riesenfelsblock und erreichte auf diese Weise effektiven Schutz vor allen möglichen Flugobjekten von oberhalb der Berghänge.

Von Almen aus geht es recht steil bergan, zuerst in Schleifen einen Geröllhang hinauf, und dann durch den Sinjargalden. Dieser ( ) ist einer von mehreren steilen Passagen im Tal, wo der Pfad in die Felswand gehauen ist. Der Pfad ist gut, an der schmalsten Stelle schätzungshalber einen halben Meter breit, und wir hatten nicht unbedingt das Gefühl, daß unter uns eine senkrechte Felswand mehrere zig Meter abfiel. Schwitzend und außer Atem erreichten wir Sinjarheim (). Auerhalb der Hofgrenze war die Landschaft völlig von Brennesseln und Eisenhut überwachsen, aber innerhalb der Umzäunung war gemäht, und es gab Bänke und Tische, wo die Wanderer ihre Essenspakete geniessen können. Sinjarheim () hat eine tolle Lage und ist ein beliebtes Bilderbuch- und Postkartenmotiv. Der alte Hof ist kürzlich beispielhaft restauriert worden und bietet einen sehr schönen Anblick. Hier machten auch wir eine Pause und genossen Sonne, Aussicht und einen Bissen zu Essen mit einer Handvoll anderer Wanderer.

Von Sinjarheim ging es zuerst ein Stück bergab und auf einer Brücker über den rauschenden Veiverdalselvi ( ) (oberhalb Sinjarheims bildet dieser einen schönen Wasserfall). Dieser Abschnitt war voller Brennesseln und anderen Gestrüpps, und es war eine Kunst, sich hier in Shorts "unverletzt" durchzuschlängeln. So gesehen ist es hier vielleicht angenehmer, im Vorsommer oder Herbst zu gehen. Wir passierten die Anhöhe Haugane und mußten ab jetzt immer öfter aus dem Weg gehen, um die immer größer werdenden Ströme Gegenverkehrs vorbeizulassen. Darin bekamen wir nach und nach gute Übung, denn wie eingangsweise erwähnt, kamen uns so gut wie alle, die hier unterwegs waren, entgegen.

Auf der anderen Seite von Haugane ging es etwas bergab zu einer Weggabelung (). Hier biegt der Weg zum Hof Teigen und hinüber ins Stonndalen ab. Stonndalen hat den Betrieb als Touristenhütte niedergelegt, und seitdem sidn es wahrscheinlich nur sehr wenige, die diese Route gehen. (An dieser Stelle geht auch ein sehr überwachsener und schwer zu findender Pfad etwas höher am diesseitigen Hang in Richtung Skori.)
Nun kamen wir in eine sich ständige verengende Schlucht. Der Weg verläuft entlang der linken Flußseite, der hier drinnen verhältnismäßig flach und ruhig fließt und einen kleinen See bildet. An den feuchten Schieferhängen links des Weges stand der herrliche Dickblatt-Steinbrech ( ) in vorher nie gesehenen Mengen in voller Blüte.
Hier lockte das klare, tiefgrüne Wasser zu einem Bad, aber die Sonne war etwas zurückhaltend. Zum Schluß konnten wir jedoch nicht widerstehen und an einem großen Stein ließen wir die Kleider fallen und tauchten unsere verschwitzen Körper in das eiskalte und erfrischende Wasser (). Es nahm uns den Atem, und mehr als einige wenige Augenblicke hielten wir es im Wasser nicht aus, aber hinterher - was für ein unglaublich herrliches Gefühl auf der Haut, wenn einen die gute Wärme durchströmt! Wir waren unter den ca. 50 anwesenden Personen auf diesem Streckenabschnitt übrigens die Einzigen, die sich trauten...

Doch wir mußten weiter. Wir passierten eine aufgemauerte Brückenpassage und kamen anschließen ins einen "Halbtunnel", wo der Weg wieder in die Felswand gesprengt war (). Hier war der Weg sehr gut und die Umgebung faszinierend. Doch es dauerte nicht lange, bis diese flache und leichte Partie zu Ende war. Der Weg schlängelte sich wieder steil bergan in Richtung Vetlahelvete, eine der größten Attraktionen unterwegs. Auf dem höchsten Punkt dieser Passage waren wir bereits wieder genau so verschwitzt wie vor unserem kurzen Bad. Wir ließen die Rucksäcke an der Wegkreuzung zurück und machten uns auf den kurzen (200-300 m), ausgeschilderten Abstecher zur Vetlahelvete, einer riesigen, imponierenden Gletschermühle ().

Wenig später kamen wir zur Weggabelung, wo der berühmte, historische Bjørnstigen ("Bärenpfad") bergan führt und die Flußbiegung, die nun folgt, abschneidet, während der normale Weg dem Umweg des Flusses entlang dessen Ufer folgt. Der höchste Punkt des Bjørnstigen ist gekennzeichnet durch die Bjørnstigwarte (u.a. bekannt durch J. Flintoes gleichnamiges Gemälde, welches heute in der Osloer Nationalgalerie hängt). Wir entschieden uns für den Bjørnstigen und wollten am näqchsten Tag entlang des Flusses zurückgehen. Der Aufstieg war steil und mit Rucksack sehr anstrengend, und die Aussicht von der Warte war großartig ( ), wenn auch nicht ganz so dramatisch, wie überall beschrieben und auf dem erwähnten Gemälde dargestellt. Im Weiteren wurde der Pfad hier recht langweilig. Wir waren nicht auf dem Fjell und kämpften uns auf schlechtem Pfad durch Gesträuch und Birkenwald mit massenweise unterschiedlicher Insekten, die uns jede kleine Pause vergällten. Das Gelände war relativ flach, und die Abwesenheite des Flusses machte es direkt langweilig. Auch ging der Weg ab der Alm Holmen nicht zurück zum Fluß, wie auf unserer 1: 50 000 Karte eingezeichnet, sondern folgte der Hangseite hoch über dem Fluß. Erst kurz vor Nesbø stießen wir wieder auf den Hauptweg. Unsere Schlußfolgerung am nächsten Tag war, daß der Weg entlang des Flusses viel abwechlungsreicher und schöner ist als der über den Bjørnstigen. Diejenigen, die die berühmte Aussicht von der Warte geniessen möchten, sollen lieber einen kurzen Abstecher vom Hauptweg aus dort hinauf machen.

Auf der Etappe entlang des Sees über Nesbø () war der Pfad sehr brennesselig und wir gingen hier sehr schnell vorbei. Die nächste und letzte spannende Passage vor Østerbø war der Nesbøgalden, wieder eine Passage, wo der Weg oberhalb einer Steilwand in den Fels gehauen ist. Hier fällt die Steilwand direkt in den See ab. Wir hatten uns jedoch in der Zwischenzeit an diese Passagen gewöhnt und durchquerten sie zügig und ohne Aufenthalt. Ein paar hundert Meter später sahen wir endlich den Aurdalsvatnet und an dessen Ufer Østerbø fjellstove () liegen.
Es war herrlich, anzukommen, die Rucksäcke loszuwerden und sich unter eine warme Dusche stellen zu können. Wir hatten uns sozusagen selbst eingeladen mit dem Gegendienst, einen Artikel über die Unterkunft zu schreiben, und deshalb war für uns nach dem Mittagessen Arbeit angesagt. Wir interviewten den Eigentümer Per Steinar Melås und seine Geschäftsführerin Nina. Säter lud uns Per Steinar zusammen mit den anderen Gästen zu einem Diavortrag über das Tal ein. Mit viel Einlebung, Humor und Seitensprügen hie und da erzählte er über Østerbø und das Aurlandsdalen damals und heute. Sein Engagement und die lustigen Pointen wogen eventuelle Qualitätsmängel der Bilder mehrfach auf, und alle saßen gefangen und interessiert bis zum letzten Bild.

Am Sonntag vormittag bekamen wir noch eine gründliche Führung durch Østerbø mit all seinen Facilitäten, bevor wir die Rücksäcke schulterten und und auf den Rückweg machten. Wir begannen mit einem kleinen Abstecher zu dem berühmten Bergfriedhof ( ), wo die Bewohner der Höfe Østerbø und Nesbø über 50 Jahre lang bestattet wurden, und dem es zu verdanken ist, daß der oberste Teil des Tals nicht im Zuge des Wasserkraftausbaus aufgestaut wurde.

Wie erwähnt, gingen wir diesmal nicht über den Bjørnstigen, sondern entlang des Flußes. Dies war einer der schönsten Abschnitte der gesamten Wanderung, spannend und abwechlungsreich mit Flußschluchten, schöner Vegetation, steilen Berghängen und imponierende, in Fels gesprengten Wegpassagen ( ).
Der Weg führt ein Stück oberhalb des Vetlavatnet vorbei. Hier gibt es eine kleine Insel, und, wenn man hinüberkommt, schöne Zeltplätze. Wenig später kamen wir nach Heimrebø. Hier teilt sich der Weg, und ein Zubringer führt auf die andere Flußseite, wo er die Straße trifft, die hier für 200 m zwischen dem Nesbø- und Berdalstunnel ans Tageslicht hervortritt. Dies ist die einzige Quereinstiegsmöglichkeit in das Tal zwischen Østerbø und Teigen/Stonndalen kurz vor Sinjarheim. Wir hatten gelesen, daß dieser Weg den Fluß auf einer tollen Hängebrücke überquert und entschlossen uns für einen Abstecher, den wir nicht bereuten. 30-40 m über den schäumenden Fluß und sicher 50 m lang über spannte die schmale Hängebrücke die Flußschlucht (). Der Blick von der Brücke zu dem schönen Wasserfall eines Seitenflußes in den Aurlandselvi war ebenfalls nciht zu verachten ().

Bald kamen wir wieder zu der Stelle, wo der Weg von der Bjørnstigwarte herunterkommt, und wir betraten "bekannten Boden". Trotzdem war ja die Aussicht diesmal entgegengesetzt, und wir können nur empfehlen, das Tal in beide Richtungen zu gehen. Obwohl die Sonne nicht ganz so wärmte wie am Vortag, legte wir an "unserer Stelle" wieder eine Badepause ein.

Auf dem letzten Stück hinunter nach Vassbygdi hatte jemand nach einer Rast ein paar Plastiktassen am Wegrand vergessen. Obwohl ich nicht damit rechnete, die Eigentümer zu finden, hob ich sie auf, denn sie konnten schlecht dort liegen bleiben, und ich wollte sie am Parkplatz in den Abfalleimer werfen. Kurz vor dem Parkplatz passierten wir eine dänische Familie, die weiter drinnen geparkt hatten und gerade zusammenpackten. Die Mutter schaute die Plastiktassen so komisch an, daß ich fragte, ob sie ihnen gehörten. Und das taten sie. So fanden die Tassen zu ihren Eigentümern zurück und wir bekamen jeder ein Stück Schokolade als Belohnung. Ein süßer Abschluß einer tollen Wanderung.