Im Sommer 2002 war eins unserer großen Wanderziele, die
Kernetappe durch das Aurlandsdalen zu gehen. Eigentlich war der
Juni dafür vorgesehen, doch aufgrund des Wetters sollte es bis
zum 20.07. dauern, bevor wir aufbrechen konnten. Als wir
von Fagernes losfuhren, war das Wetter das strahlend schön, und
es hielt sich auch so die ganze Fahrt über Gol, Hol und
hinunter nach Vassbygdi ( )
bei Aurland. Hier befindet sich ein Servicegebäude mit
Toiletten, Warteraum etc. und ein großer Parkplatz - ein guter
Ausgangspunkt für alle, die das Tal aufwärts gehen möchten.
Nun gehen allerdings 95% derjenigen, die her wandern,
talabwärts, und dies ist gut so, denn bei den Menschenmassen,
die im Sommer hier unterwegs sind, würde es wohl sonst knapp
mit Parkplätzen sein.
Mit dem Aurlandsdalselvi als murmelndes Hintergrundgeräusch,
Vogelgezwitscher im Vordergrund und einem blauen Sommerhimmel
setzten wir uns die Rucksäcke auf und begannen die anstrengende
Wanderung talaufwärts.
Zuerst folgten wir dem Wirtschaftsweg eine knappe
Viertelstunde, bevor der Wanderweg begann. Es ging zuerst ein
Stück relativ flach, bevor der erste zähe Anstieg kam. Mit
schweren Rucksäcken und bei warmer Sommerluft wurde uns richtig
warm, ja wir kochten nahezu über. Hier zu Beginn war der Weg
richtig gut, und wir konnten nicht klagen, obwohl es uns
jedesmal ärgerte, wenn es ein Stück runterging statt hoch,
denn wir mußten ja anschließend diese Höhenmeter zusätzlich
wieder bergan! Auf der gegenüberliegenden Talseite verschwand
nach und nach die Mündung des Stonndalens hinter uns. Wir
befanden uns nun wirklich im Aurlandsdalen.
An einer Stelle kamen wir an merkwürdigen Drahtseilen vorbei.
Später erfuhren wir, daß an diesen früher die Heumaht von
Sinjarheim hinunterbefördert wurde.
Schon bald tauchte ein schöner Wasserfall auf. Der Grovselvi ( )
teilt sich in drei deutliche Schleierfälle und bildet eine sehr
schöne Kulisse. Der erste alte Hof, den wir erreichten, war Almen ( ).
Das Besondere an Almen ist seine Lage. Um Steinschläge und
Lawinen von den steilen Berghängen zu vermeiden, baute der
Bauer sein Haus dicht unter einen überhängenden
Riesenfelsblock und erreichte auf diese Weise effektiven Schutz
vor allen möglichen Flugobjekten von oberhalb der Berghänge.
Von Almen aus geht es recht steil bergan, zuerst in Schleifen
einen Geröllhang hinauf, und dann durch den Sinjargalden.
Dieser (
)
ist einer von mehreren steilen Passagen im Tal, wo der Pfad in
die Felswand gehauen ist. Der Pfad ist gut, an der schmalsten
Stelle schätzungshalber einen halben Meter breit, und wir
hatten nicht unbedingt das Gefühl, daß unter uns eine
senkrechte Felswand mehrere zig Meter abfiel. Schwitzend und
außer Atem erreichten wir Sinjarheim ( ).
Auerhalb der Hofgrenze war die Landschaft völlig von
Brennesseln und Eisenhut überwachsen, aber innerhalb der
Umzäunung war gemäht, und es gab Bänke und Tische, wo die
Wanderer ihre Essenspakete geniessen können. Sinjarheim ( )
hat eine tolle Lage und ist ein beliebtes Bilderbuch- und
Postkartenmotiv. Der alte Hof ist kürzlich beispielhaft
restauriert worden und bietet einen sehr schönen Anblick. Hier
machten auch wir eine Pause und genossen Sonne, Aussicht und
einen Bissen zu Essen mit einer Handvoll anderer Wanderer.
Von Sinjarheim ging es zuerst ein Stück bergab und auf einer
Brücker über den rauschenden Veiverdalselvi (
)
(oberhalb Sinjarheims bildet dieser
einen schönen Wasserfall). Dieser Abschnitt war
voller Brennesseln und anderen Gestrüpps, und es war eine
Kunst, sich hier in Shorts "unverletzt"
durchzuschlängeln. So gesehen ist es hier vielleicht
angenehmer, im Vorsommer oder Herbst zu gehen. Wir passierten
die Anhöhe Haugane und mußten ab jetzt immer öfter aus dem
Weg gehen, um die immer größer werdenden Ströme Gegenverkehrs
vorbeizulassen. Darin bekamen wir nach und nach gute Übung,
denn wie eingangsweise erwähnt, kamen uns so gut wie alle, die
hier unterwegs waren, entgegen.
Auf der anderen Seite von Haugane ging es etwas bergab zu
einer Weggabelung ( ).
Hier biegt der Weg zum Hof Teigen und hinüber ins Stonndalen ab. Stonndalen
hat den Betrieb als Touristenhütte niedergelegt, und seitdem
sidn es wahrscheinlich nur sehr wenige, die diese Route gehen. (An
dieser Stelle geht auch ein sehr überwachsener und schwer zu
findender Pfad etwas höher am diesseitigen Hang in Richtung
Skori.)
Nun kamen wir in eine sich ständige verengende Schlucht. Der
Weg verläuft entlang der linken Flußseite, der hier drinnen
verhältnismäßig flach und ruhig fließt und einen kleinen See
bildet. An den feuchten Schieferhängen links des Weges stand
der herrliche Dickblatt-Steinbrech (
)
in vorher nie gesehenen Mengen in voller Blüte.
Hier lockte das klare, tiefgrüne Wasser zu einem Bad, aber die
Sonne war etwas zurückhaltend. Zum Schluß konnten wir jedoch
nicht widerstehen und an einem großen Stein ließen wir die
Kleider fallen und tauchten unsere verschwitzen Körper in das
eiskalte und erfrischende Wasser ( ).
Es nahm uns den Atem, und mehr als einige wenige Augenblicke
hielten wir es im Wasser nicht aus, aber hinterher - was für
ein unglaublich herrliches Gefühl auf der Haut, wenn einen die
gute Wärme durchströmt! Wir waren unter den ca. 50 anwesenden
Personen auf diesem Streckenabschnitt übrigens die Einzigen,
die sich trauten...
Doch wir mußten weiter. Wir passierten eine aufgemauerte
Brückenpassage und kamen anschließen ins einen
"Halbtunnel", wo der Weg wieder in die Felswand
gesprengt war ( ).
Hier war der Weg sehr gut und die Umgebung faszinierend. Doch es
dauerte nicht lange, bis diese flache und leichte Partie zu Ende
war. Der Weg schlängelte sich wieder steil bergan in Richtung Vetlahelvete,
eine der größten Attraktionen unterwegs. Auf dem höchsten
Punkt dieser Passage waren wir bereits wieder genau so
verschwitzt wie vor unserem kurzen Bad. Wir ließen die
Rucksäcke an der Wegkreuzung zurück und machten uns auf den
kurzen (200-300 m), ausgeschilderten Abstecher zur Vetlahelvete,
einer riesigen, imponierenden Gletschermühle ( ).
Wenig später kamen wir zur Weggabelung, wo der berühmte,
historische Bjørnstigen ("Bärenpfad") bergan führt
und die Flußbiegung, die nun folgt, abschneidet, während der
normale Weg dem Umweg des Flusses entlang dessen Ufer folgt. Der
höchste Punkt des Bjørnstigen ist gekennzeichnet durch die
Bjørnstigwarte (u.a. bekannt durch J. Flintoes
gleichnamiges Gemälde, welches heute in der Osloer
Nationalgalerie hängt). Wir entschieden uns für den
Bjørnstigen und wollten am näqchsten Tag entlang des Flusses
zurückgehen. Der Aufstieg war steil und mit Rucksack sehr
anstrengend, und die Aussicht von der Warte war großartig (
),
wenn auch nicht ganz so dramatisch, wie überall beschrieben und
auf dem erwähnten Gemälde dargestellt. Im Weiteren wurde der
Pfad hier recht langweilig. Wir waren nicht auf dem Fjell und
kämpften uns auf schlechtem Pfad durch Gesträuch und
Birkenwald mit massenweise unterschiedlicher Insekten, die uns
jede kleine Pause vergällten. Das Gelände war relativ flach,
und die Abwesenheite des Flusses machte es direkt langweilig.
Auch ging der Weg ab der Alm Holmen nicht zurück zum Fluß, wie
auf unserer 1: 50 000 Karte eingezeichnet, sondern folgte der
Hangseite hoch über dem Fluß. Erst kurz vor Nesbø stießen
wir wieder auf den Hauptweg. Unsere Schlußfolgerung am
nächsten Tag war, daß der Weg entlang des Flusses viel
abwechlungsreicher und schöner ist als der über den
Bjørnstigen. Diejenigen, die die berühmte Aussicht von der
Warte geniessen möchten, sollen lieber einen kurzen Abstecher
vom Hauptweg aus dort hinauf machen.
Auf der Etappe entlang des Sees über Nesbø ( )
war der Pfad sehr brennesselig und wir gingen hier sehr schnell
vorbei. Die nächste und letzte spannende Passage vor Østerbø
war der Nesbøgalden, wieder eine Passage, wo der Weg oberhalb
einer Steilwand in den Fels gehauen ist. Hier fällt die
Steilwand direkt in den See ab. Wir hatten uns jedoch in der
Zwischenzeit an diese Passagen gewöhnt und durchquerten sie
zügig und ohne Aufenthalt. Ein paar hundert Meter später sahen
wir endlich den Aurdalsvatnet und an dessen Ufer Østerbø
fjellstove ( )
liegen.
Es war herrlich, anzukommen, die Rucksäcke loszuwerden und sich
unter eine warme Dusche stellen zu können. Wir hatten uns
sozusagen selbst eingeladen mit dem Gegendienst, einen Artikel
über die Unterkunft zu schreiben, und deshalb war für uns nach
dem Mittagessen Arbeit angesagt. Wir interviewten den
Eigentümer Per Steinar Melås und seine Geschäftsführerin
Nina. Säter lud uns Per Steinar zusammen mit den anderen
Gästen zu einem Diavortrag über das Tal ein. Mit viel
Einlebung, Humor und Seitensprügen hie und da erzählte er
über Østerbø und das Aurlandsdalen damals und heute. Sein
Engagement und die lustigen Pointen wogen eventuelle
Qualitätsmängel der Bilder mehrfach auf, und alle saßen
gefangen und interessiert bis zum letzten Bild.
Am Sonntag vormittag bekamen wir noch eine gründliche
Führung durch Østerbø mit all seinen Facilitäten, bevor wir
die Rücksäcke schulterten und und auf den Rückweg machten.
Wir begannen mit einem kleinen Abstecher zu dem berühmten
Bergfriedhof (
),
wo die Bewohner der Höfe Østerbø und Nesbø über 50 Jahre
lang bestattet wurden, und dem es zu verdanken ist, daß der
oberste Teil des Tals nicht im Zuge des Wasserkraftausbaus
aufgestaut wurde.
Wie erwähnt, gingen wir diesmal nicht über den
Bjørnstigen, sondern entlang des Flußes. Dies war einer der
schönsten Abschnitte der gesamten Wanderung, spannend und
abwechlungsreich mit Flußschluchten, schöner Vegetation,
steilen Berghängen und imponierende, in Fels gesprengten
Wegpassagen (
 ).
Der Weg führt ein Stück oberhalb des Vetlavatnet vorbei. Hier
gibt es eine kleine Insel, und, wenn man hinüberkommt, schöne
Zeltplätze. Wenig später kamen wir nach Heimrebø. Hier teilt
sich der Weg, und ein Zubringer führt auf die andere
Flußseite, wo er die Straße trifft, die hier für 200 m
zwischen dem Nesbø- und Berdalstunnel ans Tageslicht
hervortritt. Dies ist die einzige Quereinstiegsmöglichkeit in
das Tal zwischen Østerbø und Teigen/Stonndalen kurz vor
Sinjarheim. Wir hatten gelesen, daß dieser Weg den Fluß auf
einer tollen Hängebrücke überquert und entschlossen uns für
einen Abstecher, den wir nicht bereuten. 30-40 m über den
schäumenden Fluß und sicher 50 m lang über spannte die
schmale Hängebrücke die Flußschlucht ( ).
Der Blick von der Brücke zu dem schönen Wasserfall eines
Seitenflußes in den Aurlandselvi war ebenfalls nciht zu
verachten ( ).
Bald kamen wir wieder zu der Stelle, wo der Weg von der
Bjørnstigwarte herunterkommt, und wir betraten "bekannten
Boden". Trotzdem war ja die Aussicht diesmal
entgegengesetzt, und wir können nur empfehlen, das Tal in beide
Richtungen zu gehen. Obwohl die Sonne nicht ganz so wärmte wie
am Vortag, legte wir an "unserer Stelle" wieder eine
Badepause ein.
Auf dem letzten Stück hinunter nach Vassbygdi hatte jemand
nach einer Rast ein paar Plastiktassen am Wegrand vergessen.
Obwohl ich nicht damit rechnete, die Eigentümer zu finden, hob
ich sie auf, denn sie konnten schlecht dort liegen bleiben, und
ich wollte sie am Parkplatz in den Abfalleimer werfen. Kurz vor
dem Parkplatz passierten wir eine dänische Familie, die weiter
drinnen geparkt hatten und gerade zusammenpackten. Die Mutter
schaute die Plastiktassen so komisch an, daß ich fragte, ob sie
ihnen gehörten. Und das taten sie. So fanden die Tassen zu
ihren Eigentümern zurück und wir bekamen jeder ein Stück
Schokolade als Belohnung. Ein süßer Abschluß einer tollen
Wanderung.
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