Nigardsbreen

Der
Nigardsbreen - der bekannteste östliche Seitenarm des Jostedalsbreen.
Der Nigardsbreen (48 km²
- ca. 9 km lang) ist der bekannteste Gletscherarm auf der Ostseite des
Jostedalsbreen. Es ist ein schöner Gletscher - mit viel Blau - und sehr
leicht zugänglich. Von Gaupne am Lusterfjorden führt die Fylkesstraße zu dem kleinen
Örtchen Gjerde, und von dort gelangt man auf der Mautstraße in den
Nationalpark zum Parkplatz am Gletschersee Nigardsvatnet. Im Sommer fährt das
kleine Boot Jostedalsrypa vom Parkplatz zum Gletscher, aber die meisten gehen
den markierten Wanderweg entlang des Sees, der ca. 15-20 Minuten pro Strecke
dauert.
Schon am Eingang zum Mjølverdalen (ddem Seitental des
Jostedalens, in dem der
Nigardsbreen hinunterfließt) hat man einen freien Blick zum
Gletscher, der sich mehrere Kilometer lang talabwärts schlängelt .
Im Gegensatz zu vielen anderen Gletscherarmen wirkt der Nigardsbreen sehr
"sauber". Das Eis leuchtet bläulich, und das schmutzige
Moränematerial ist nicht so auffällig.
Näher am Gletcher verliert man den Überblick, doch gleichzeitig werden die
Farben intinsiver und die Dimensionen überwältigender. Lange Zeit verlief der
Hauptlauf des Gletscherflußes ziemlich weit links (südlich),
doch im Frühsommer 2001 nahm der Fluß einen neuen Lauf weiter rechts, und so
mancher Baum und Busch fand sich plötzlich mitten in einem reißenden
Gletscherfluß wieder.
Weil der Nigardsbreen ein beliebtes Touristenziel ist, hat man gute Brücken
über die Flußläufe gebaut. Deutliche Gefahrenschilder an der Gletscherkante
warnen davor, zu dicht an den Gletscher zu gehen. Die meisten können jedoch der
Versuchung nicht widerstehen, ganz nahe heranzugehen, um ihr Traumfoto zu
machen. Früher gab es am Auslauf des Gletscherflusses ein großes
Gletscherportal, und die Waghalsigsten ließen sich im Portal fotografieren.
Doch der Gletscher hat mehrere Male die zu aufdringlichen (und viele
werden sagen, dummdreisten) Besucher bestraft:
Im Sommer 1986 stand eine Gruppe Touristen an der Gletscherkante nahe des
Ausflusses, als plötzlich der Gletscherfluß wie von Geisterhand versiegte. Im
Gletscher hatte es einen Eissturz gegeben, der das Wasser aufstaute. Bevor den
nichtsahnenden Touristen, die sich das Phänomen nicht erklären konnten,
aufging, in welcher Gefahr sie sich befanden, kam das Wasser samt dem Eis,
welches es aufgestaut hatte, mit Gewalt durch das Portal geschossen und fegte
alle mit sich, die zu nah gestanden hatten. Zwei Menschen kamen ums Leben; sie
wurden von Eisblöcken erschlagen. Acht andere wurden weiter unten an Land
gespült und kamen mit dem Schrecken und einigen Verletzungen davon.
1994 geschah das gleiche noch einmal: Acht Touristen wurden mitgerissen, als
plötzlich große Wasser- und Eismengen aus dem Gletscher geschossen kamen. Ein
paar von ihnen trieben bis zum mehrere hundert Meter entfernten Gletschersee
mit. Wunderbarerweise überlebten alle.
Das Nigardsbreen Naturschutzgebiet
wurde 1985 eingerichtet und liegt außerhalb der Grenzen des 6 Jahre später
folgenden Nationalparks Jostedalsbreen. Hier kann man besser als irgendwo anders
in Skandinavien die Pflanzensukzession studieren (d.h. in welcher Reihenfolge die Vegetation nach
und nach dem sich immer weiter zurückziehenden Eis folgt).
Nach der sog. "kleinen Eiszeit" um 1750 unternahm der Gletscher
mehrere Vostöße, einer nach dem anderen weniger weit als der vorhergehende,
und jeder einzelne von ihnen hinterließ eine exakt datierbare Endmoräne (siehe Illustration unten).
Auf jeder Moräne, die wir auf dem Weg taleinwärts passieren, finden wir eine andere, charakteristische Pflanzenzusammensetzung.
Der Nigardsbreen vorher und jetzt
Die Aufzeichnungen des lokalen Pfarrers Mathias Foss gehören zu den besten
Schilderungen, die über die Zerstörungen des Nigardsbreen während der kleinen
Eiszeit erhalten geblieben sind. Als sich das Klima während des 17.
Jahrhunderts verschlechterte, geschah mit dem Nigardsbreen zuerst einmal nicht
so viel. Der Gletscher ist lang und bewegt sich verhältnismäßig langsam, so
daß er eine lange Reaktionszeit auf kalte und/oder niederschlagsreiche Perioden
hat.
Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts begann er seinen zerstördenden Zug
talabwärts, mit ca. 100 Metern pro Jahr. 1740 hatte er bereits den Hof Nigard
erreicht, und drei Jahre später "verspeiste" er die Wohnhäuser,
bevor die Leute dort diese retten und wegtransportieren konnten. Unter dem
anhaltenden Vorstoß des Gletschers bis 1748 wurden weitere Höfe weiter unten
im Tal ebenfalls beschädigt oder zerstört.
Für die Leute, die damals hier lebten, muß dies eine unwirkliche Zeit gewesen
sein. Nur zwei Generationen zuvor hatten sie den Gletscher mehrere Kilometer
weiter oben im Tal sehen können, und nun kam er innerhalb eines einzigen
Menschenalters unbarmherzig mit Getöse heruntergekrochen und verjagte die
Menschen von ihren Höfen, wo sie sich sicher gefühlt hatten.
In den letzten Jahren hat der Rückzug des Gletschers aufgehört, und Messungen
der Massenbalance, die das N.V.E
(Norwegisches Wasser- und Energieinstitut)
regelmäßig vornimmt, zeigen, daß das Volumen des Gletschers weiter oben
deutlich zugenommen hat. Vielleicht wird der Gletscher in ein paar Jahren wieder
bis zum See hinunter reichen und direkt dorthinein kalben?
Heute ist der Nigardsbreen nicht nur eine Touristenattraktion, sondern auch ein
beliebter Ort für den Gletschersport. Hier stiften mehr Menschen Bekanntschaft
mit der Wunderwelt des Blaueises als auf irgendeinem anderen Arm des
Jostedalsbreen. Der Gletscherführerverein Jostedalen Breførarlag führt jedes
Jahr mehrere tausend Touristen ins Blaueis, und viele machen hier ihre
allererste Bekanntschaft mit Eis unter unter den Füßen.
Der gewöhnliche Einstieg auf den Geltscher befindet sich an der linken Seite
der Gletscherzunge. Der Nigardsbreen ist ein idealer Überungplatz für
Anfänger, und an schönen Sommertagen kann er recht überlaufen sein.
Besuchen Sie auch unsere Gletscherseite.
Nigardsbreen naturreservat
Das Naturschutzgebiet Nigardsbreen wurde 1985 eingerichtet und liegt außerhalb
der Grenze des 6 Jahre später etablierten Nationalparks. Das Mjølverdalen unterhalb des Gletschers hat die am besten dokumentierte und erforschte Pflanzensukzession nach der Eiszeit in
ganz Skandinavien. Es ist ein lebendiges Museum darüber, wie verschiedenen Pflanzen die Moränelandschaft, die vom Eis zurückgelassen wurde, nach und nach besiedeln. Nach der "kleinen Eiszeit" um 1750 unternahm
der Nigardsbreen viele Vorstöße, einer nach dem anderen etwas weniger weit als
der vorherige, und das ganze Tal ist von Endmoränen durchzogen, die zum
Gletscher hin alle jünger werden (siehe Illustration).
Auf jeder Moräne, die wir auf dem Weg taleinwärts passieren, finden wir eine
etwas andere, charakteristische Pflanzenzusammensetzung.
Die Besiedlung der unterschiedlichen Moränestadien lassen sehr genaue Studien zu, wie sich die Vegetation von nacktem Stein und Geröllmasse bis zu einer gut etablierten Pflanzengemeinschaft entwickelt, also in welcher Reihenfolge die einzelnen Arten den neuen Boden besiedeln.
Diese Studien zeigen, daß 50% der Pflanzen auf dem jüngsten Boden Pionierpflanzen sind, welche sich nach
dem Freischmelzen sehr schnell etablieren. Diese benötigen sehr wenig oder keinen Humus in der Erde, der sonst die wichtigste Nitrogenquelle für Pflanzen
auf älterem Boden sind. Einige dieser Pionierpflanzen können sich das Nitrogen direkt aus der Luft holen, andere bilden Symbiosen mit Bakterien im Boden, welche Nitrogen aus der Luft filtern. Die andere Häfte der Pflanzen auf jüngstem Boden sind solche, die auch in älterer Vegetation anzutreffen sind.
Auf der ältesten Moräne benötigt ein Drittel der anwesenden Pflanzenarten Humus im Boden. Sie konnten sich also nicht etablieren, bevor andere eine gewisse Grundarbeit geleistet hatten. Die meisten Arten sind allerdings sowohl auf dem neusten und dem ältesten Boden solche, die vielseitig sind und fast überall zurechtkommen.
Zuerst kommen Moose, etwas Gras und Pioniere wie der Säuerling, der
Alpen-Frauenmantel und
der Alpen-Hornklee (Lotus corniculatus), also typische Fjellpflanzen. Nach und nach kommen andere Moose und einige Flachlandarten dazu, und zum Schluß Gräser, Heidekraut, Zwergsträucher und Moorbirken. |
|