Naturkatastrophen rund um den Jostedalsbreen


Die meisten Gletschertouristen lernen nur die schönen Seiten des Gletschers kennen; die Bewohner der Täler unter dem Jostedalsbreen jedoch haben im Laufe der Jahrhunderte oft genug auch dessen Ungnade zu spüren bekommen. 
Flutkatastrophen, Schnee- und Eislawinen und Steinschläge haben wiederholt die Bewohner unterm Gletscher mit tödlicher Kraft gerammt. Besonders schlimm waren die hundert Jahre zwischen 1650 und 1750, wo es eine beinahe ununterbrochene Unwetterperiode gab. Man nennt diese Zeit auch "die kleine Eiszeit", und die Bewohner konnten im Laufe einer Handvoll Generationen buchstäblich mit ansehen, wie sich das üppige Leben in den fruchtbaren Gletschertäler in Not, Tod und Zerstörung verwandelte. 
1684 bekamen die Leute die ersten Warnungen dessen, was im Begriff stand zu geschehen, doch selbst in ihrer wildesten Phantasie konnten sie sich wohl kaum vorstellen, was die nächsten 60 Jahre bringen würden. Im Krundalen wurden die Almhöfe auf Grov und Bergset vom vorrückenden Tuftebreen einfach überwalzt. Der Myklebustbreen am Westufer des Oldevatnet schickte eine große Eislawine hinunter auf die Äcker des Hofes Yri. Einige der Eisblöcke waren so groß, daß sie den ganzen Sommer über dort liegen blieben, ohne abzuschmelzen.
1693 erreignet sich das erste dokumentierte Todesunglück unter der sog. kleinen Eiszeit. Ein großer Steinblock stürzte auf den Hof Fòr am Südufer des Oldevatnet und fegte Gebäude, Tiere und Menschen in den See. Die Zahl der Umgekommenen ist nicht bekannt, doch die Überlebenden kehrten nach einer Weile auf den Hof zurück. Dies sagt auch etwas darüber aus, wie schwer man es zu den Zeiten hatte, wenn man Hof und Land verlor. Diejenigen, die auf den Hof zurückkehrten, blieben jedoch von weiteren Unglücken nicht verschont. Im Laufe des 18. Jahrhunderts gingen 5 neue Steinschläge und Eislawinen auf den Hof nieder, und es dauerte nicht lange, bis er für immer verlassen wurde. 
In den letzten beiden Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts wurden zahlreiche andere Höfe rund um den Gletscher ebenfalls von Lawinen- und Flutkatastrophen betroffen. Die Ackererträge wurden zerstört, doch gleichzeitig wollten Steuern bezahlt werden. 

Obwohl diese hundert Jahre an sich schlimm waren, waren einige Jahre schlimmer als andere. Am härtesten war vielleicht der sog. Fonnwinter ("Gletscherwinter") im Jahr 1718:
Im März schneite es eine Woche lang ununterbrochen heftig. Der Schnee wuchs Meter um Meter, und die Leute, die unter den "Fonnene", den Gletscherüberhängen, wohnten, sahen es mit großer Sorge und Angst. Wächte nach Wächte löste sich hoch oben in den steilen Felshängen, und der Wald und die Gebäude, die das Pech hatten, darunterzustehen, wurden bereits vom Druck der Lawine dem Erdboden gleichgemacht, noch bevor sie vom Schnee getroffen wurden.
Am 15. März 1718 ging eine Lawine am Vetlfjorden (südlich des Jostefonns), und die meisten Gebäude des Hofes EIken fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen, wobei sieben Menschen ums Leben kamen (der Bauer selbst, sein Bruder, die Eltern, das einzige Kind, zwei Diener und so gut wie alles Vieh). 
Zwei Tage später, am 17. März, wurden mehrere Höfe östlich Strynevatnet Opfer eines der schlimmsten Lawinentage aller Zeiten. Auf dem Hof Skåre zu innerst im Hjelledalen verloren die Eltern eines der Höfe alle drei Kinder, während sie selbst so verletzt wurden, daß sie den Rest ihres Lebens an Krücken gebunden waren. Im Seitental Sunndalen wurde alles Leben auf dem einzigen Hof ausgelöscht: 11 Menschen kamen ums Leben. Trotz dieser unfaßbaren Tragödie baute eine Schwester des verstorbenen Bauern den Hof wieder auf. 8 Jahre später wurde er von einer Lawine erneut dem Erdboden gleichgemacht. Und trotzdem: wieder aufgebaut und bezogen. Noch ein weiterer Hof wurde an diesem 17. März von einer Lawine heimgesucht und hatte hinterher Todesopfer zu beklagen: auf Ytre Skarstein nordwestlich von Olden gingen 3 Menschenleben und das einer Menge Haustiere verloren. Es gingen noch weitere Lawinen an diesem Tag und zerstörten Gebäude und Tiere, jedoch keine weiteren Menschenleben. 

Im weiteren Verlauf des 18. Jahrhundert hörten die schnell wachsenden Gletscherarme nicht auf, den Bewohnern der Täler um den Jostedalsbreen gewaltige Probleme zu bereiten. Unablässig begruben Steinschläge und Erdrutsche den fruchtbaren Ackerboden unter sich, und nach und nach wurde durch das sich nähernde Eis auch das Klima merklich kühler. 
1743 geschah auf dem Hof Tungøyane an der Mündung des Brenndalen, einem Seitental des Oldedalen, die nächste große Katastrophe. Tungøyane war vor Beginn der kleinen Eiszeit Mitte des 17. Jhds. einer der größten Höfe rund um den gesamten Jostedalsbreen gewesen. Obwohl man alle Häuser und Stallungen bereits in, wie man meinte, sichere Entfernung von der Gletscherzunge umplatziert hatte, half dies an diesem 12. Dezember nicht. Ein furchtbares Unwetter tobte über dem Westland und brachte große Mengen Regen. Die Gletscherzunge lag zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich keine 60 Meter von den Gebäuden auf dem Hof entfernt, und durch den heftigen Regen lösten sich große Eismengen von der Gletscherfront, die den gesamten Hof unter sich begruben. Zwei Kühe, ein Dienstjunge und ein 12-jähriges Mädchen waren die einzigen Überlebenden. Im gleichen Jahr noch wurden nach längerem Vorrücken des Nigardsbreen die Gebäude des Hofes Nigard "aufgefressen", und 7 Jahre später wurden alle 14 Gebäude auf dem Hof Espe von einer Lawine zerstört. Alle Tiere, die Hausfrau und eins der Kinder kamen ums Leben.

Obwohl die Gletscher nach 1750 den Rückzug antraten, geschah das recht gemächlich. Die Winter waren noch immer lang und schneereich, und die Lebensbedingungen verbesserten sich nur sehr langsam. Noch immer gab es einige besonders schlimme Winter, und 150 Jahre nach den Lawinenkatastrophen im Jahr 1718, dem sog. Gletscherjahr 1868, wurde das Westland vom schlimmsten Lawinenwinter aller Zeiten getroffen. Insgesamt kamen 150 Menschen ums Leben, ein knappes Drittel von ihnen in den Niederlassungen um den Jostedalsbreen. Und 150 Jahre, nachdem auf dem Hof Sunndalen 11 Menschen das Leben verloren hatten, wurde der gleiche Hof erneut hart gerammt. Am 6. Februar fegte eine Lawine alle Häuser des Hofes mit sich, und nur 2 Menschen in einer Häuslerhütte in der Nähe kamen mit dem Leben davon. Die ersten Toten wurden erst drei Wochen später geborgen, der letzte am 19. März. Insgesamt starben diesmal 13 Menschen auf Sunndalen. 
Ein knappe Woche später, am 11. Februar, kam die nächste Lawine. Betroffen war der Hof Gjørva unten in Gjørva bei Stryn. Die Lawine war enorm, 2,5 km in der Breite, und nahm den ganzen Berghang ein. Fast alle Häuser auf 3 verschiedenen Höfen wurden dem Erdboden gleichgemacht: Auf Ekretunet starben der Bauer, die Tochter, das Dienstmädchen, und eine Frau, die sich dort aufgehalten hatte, mit ihren zwei Kindern. Auf Monstunet das gleiche: Die Bauersleute, deren Tochter, das Dienstmädchen und ein Gast kamen um. Auf dem dritten Hof starben 4 Personen. Zusammen forderte diese Lawine 15 Menschenleben. 
Am Abend des gleichen Tages löste sich der gesamte Grønskredfonna im Stardalen und raste den Berghang hinunter. 14 Menschen kamen ums Leben, als die Lawine die beiden Höfe auf Indre Heggheim traf. Auf dem einen überlebte nur ein Mädchen aus einer Familie mit 9 Kindern. 
Stryn, das am 6. Februar so hart gerammt worden war, bekam diesen Winter keine Ruhe. Der 26. Februar war ein Tag mit sehr viel Regen. Schwerer Pappschnee donnerte den Berghang hinunter und begrub das Gehöft Tenden unter sich. 11 Menschen starben. Zusammen suchten einhundert Menschen eine Woche lang nach den Umgekommenen, und trotzdem wurden nur 7 gefunden. Zusätzlich zu diesen gruben die Bergungshelfer 26 Kühe und 60 Schafe aus dem Schnee. Zwei Kinder waren noch in der Schule gewesen, und ein Bauer des Nachbarhofes war zum Fischen auf dem See gewesen, und so gab es drei Überlebende. 
Im Jostedalen auf der anderen Seite des Gletschers kamen die Leute etwas leichter davon, doch auch hier gingen Menschenleben verloren, als eine Hilfsarbeiterhütte eines Hofes von einer Lawine getroffen wurde, und der Mann seine Frau und sein Kind verlor. 

Steinschlagkatastrophe im Lodalen
Die beiden Steinschlagkatastrophen im Lodalen gehören zu den schlimmsten Naturkatastrohen, die Norwegen jemals gerammt haben. Es begann am Abend des 15. Januars 1905, als man zwei kräftige, explosionsartige Knalls hörte, gefolgt von einem ununterbrochenen, ca. 10-minütigen Lärm. Niemand konnte sehen, was geschah, denn dazu war es zu dunkel. Ein Felsvorsprung von 50 m Breite und 100 m Höhe hatte sich oben in 500 m Höhe aus der Wand des Ramnefjells gelöst und war in das drunterliegende Blockfeld gestürzt, wo er einen 120 m breiten Erdrutsch auslöste. 350.000 m³ und 870.000 Tonnen Erde und Geröll rasten in den schmalen See. Die Flutwelle, die dadurch ausgelöst wurde, war enorm. Sie prallte am gegenüberliegenden Steilufer ab und wurde dabei in zwei Teilwellen aufgespalten. Der linke Teil (vom Ramnefjell aus gesehen) wanderte geradewegs auf Bødalsgrenda zu, während der rechte Teil zurückgeworfen wurde und über Nesdal niederschlug. 
Die Welle war, als sie den Hof Ytre Nesdal traf, 40 m hoch und 700 m breit. Alle 34 Menschen, die sich in den Häusern befunden hatten, kamen ums Leben. 
In Bødal schlug die Flutwelle 200 m landeinwärts und riß 5 Höfe und einen Häuslerplatz mit sich. Als anschließend die Wassermassen zurück zum See strömten, wurde alles in die dunklen Wasser gespült. 24 Menschen starben auf Bødal, einige sofort, als die Welle zuschlug, andere ertranken später draußen im eiskalten Lovatnet. Zusammen kostete die Ramnefjellkatastrophe 1905 61 Menschenleben,was ungefähr der Hälfte der Bevölkerung der beiden Seitentäler Bødalen und Nesdalen am inneren Lovatnet entsprach. Die Geologen, die daraufhin die Abbruchstelle untersuchten, stellten fest, daß keine Gefahr für weitere Steinschläge bestand, und daß man sicher auf die betroffenen Höfe zurückkehren könne. 
Gut 30 Jahre später sollte sich zeigen, wie furchtbar sich die Fachleute verschätzt hatten. Früh am Morgen des 13. September 1936, der genau wie der fatale Abend 31einhalb Jahre zuvor ein Sonntag war, war erneut ein kräftiger Lärm vom Ramnefjell zu hören. Wieder war ein Felsblock aus der Wand gefallen und löste einen Erdrutsch aus, der dreimal so groß wie der vorherige war! Diesmal kostete die drauf folgende Flutwelle 26 Menschenleben auf Nesdal und 44 auf Bødal. Hier war die Welle bis zu 70 m hoch gewesen und hatte alle in Bødal befindlichen Höfe mitgerissen. Niemand überlebte. Auch weiter draußen im Lovatnet wurden Häuser zerstört. In Vassenden, ganze 8 km von der Erdrutschstelle entfernt, wurde ein Haus von der Flutwelle erfaßt und 2 Menschen kamen um. Diesmal umfaßte war die Zahl der gesamten Todesopfer 74. 
Der größte Erdrutsch von allen kam 1951, doch da war der See unter dem Ramnefjell bereits so vollgefüllt von altem Ruschtschmaterial, daß keine neue Riesenwelle entstehen konnte. 

Im Jostedalen hat es mehrere große Überschwemmungen gegeben. Dies geschah, weil große Wassermengen hinter dem Gletschereis aufgestaut wurden, bis der Druck so groß wurde, daß es hervorgebrach. Solche Sturzfluten gab es u.a. 1898, 1926 und zuletzt 1976. Später wurden große Summen in Flutschutz und Ausbauten der Wasserläufe investiert, so daß solche Fluten keine so große Bedrohung mehr darstellen. 

Zusätzlich zu diesen teils furchtbaren Naturkatastrophen, die so viele Höfe um den Jostedalsbreen getroffen haben, hat der Gletscher auch Gletscherwanderer und andere Touristen "bestraft". Zu den bekanntesten Unfällen gehört der Eisschlag vom Baklibreen im Jahr 1986, der das Leben dreier niederländischer Wanderer forderte, die sich zufällig im Krundalen unter dem Gletscherüberhang befanden, als dieser große Massen Eis hinunter ins Tal schickte. Im gleichen Jahr stürzte eine Eismauer im Portal des Nigardsbreen ein, und das hervorschießende Wasser riß 10 vor dem Gletscher stehende Touristen mit sich mit. 2 kamen um, während 8 wunderbarer Weise überlebten. 

Auch wenn immer wieder tragische Unfälle in Verbindung mit dem Gletscher geschehen, ist es mittlerweile recht lange her, seit es eine größere Katastrophe gab. Wahrscheinlich, weil sich der Gletscher im Vergleich zu nach der kleinen Eiszeit so sehr zurückgezogen hat und vergleichsweise zahm geworden ist.