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Es ist früher Morgen im Erdalen. Der Nebel liegt noch überm Tal, und es wird noch mehrere Stunden dauern, bis die Sonne über die hohen Bergen rundherum kommt. Es ist Mitte Mai und überall grün, aber trotzdem recht kühl.
Wir sind im Begriff, zu unserer 3-tägigen Skitour längs über den Jostedalsbreen aufzubrechen. Das Erdalen ist ein tiefes Tal, welches am Strynsvatnet beginnt und sich hoch bis zum Nordende des Gletschers zieht. Die erste Stunde gehen wir auf einem guten Wanderweg mit den Skiern am Rucksack. Ein Stück hinter Erdalssetra kommt die erste Herausforderung: eine steile Kante hoch auf den Erdalsbreen. Als diese bezwungen ist, beginnt der lange Aufstieg auf dem Gletscher. Die Gruppe geht im Gänsemarsch bergan, und ich weiß meine Skifelle sehr zu schätzen. Der Rucksack ist so schwer, daß ich ohne die Felle wohl nicht hätte Schritt halten können.
Der Jostedalsbreen ist der größte Gletscher auf dem europäischen Festland. Von Nord nach Süd ist er über 90 km lang, und die Gesamtfläche beträgt fast 500 km². Die meisten Touristen sehen nur einige der rund 25 Gletscherarme, die an seinen Seiten zu Tal fließen, doch wir sind auf dem Weg über das gesamte Gletscherplateau. Der höchste Punkt des Gletscher liegt auf fast 2000 mH. Wenn man da bdenkt, daß Start- und Endpunkt nur ca. 100 m über dem Meer liegen, wird es verständlich, daß die Steigung lang und kräftezehrend ist. Unterwegs auf dem Gletscher liegen keine Hütten (im Gegensatz zum Folgefonna), und das bedeutet, daß wir Zeltausrüstung und Verpflegung für die gesamte Tour tragen müssen.
Alle heil oben auf dem höchsten Punkt des Erdalsbreen angekommen, sehen wir zum ersten Mal die Lodalskåpa (2083 m), auch die "Westlandskönigin" genannt. Sie ist unser Ziel am ersten Tag. Wir sehen zurück, und der Nebel im Erdalen ist verschwunden. Wir stehen mitten im Weiß und sehen hinunter in das grüne Tal, welches wir vor 3-4 Stunden verlassen haben.
Die nächste Herausforderung ist, die Lodalsbrekka hinunter zu kommen. Unser Führer teilt uns mit, daß wir uns weit rechts halten müssen, um die Spalten zu umgehen. Bis jetzt war unsere Gruppe stets zusammen gewesen, doch hier zeigt sich, wer schon vorher mal mit schwerem Rucksack und Fjellskiern einen Berg runtergefahren ist. Alle heil unten angekommen, legen wir eine größere Pause ein. Es ist Nachmittag geworden, als wir vor der größten Schwierigkeit der gesamten Tour stehen: am Seil werden wir nun den berüchtigten Eisstrom Småttene passieren.
Um der Stimmung willen erzählt unser Führer die Geschichte über die beiden Forscher des Norwegischen Wasser- und Energiewerkes, die hier in den 60iger Jahren unterwegs waren. Sie hatten zwar ein Seil dabei, aber das lag leider im Rucksack. Als plötzlich der eine durch eine Schneebrücke einbrach und in der darunterliegenden Gletscherspalte verschwand, war es natürlich derjenige, der das Seil im Rucksack hatte. Sein Kamerat bekam keinen Kontakt mit ihm und mußte hinunter ins Jostedalen, um Hilfe zu holen. Doch die Entfernungen waren groß, und er kam nicht vor dem späten Abend unten an. Die Rettungsaktion wurde deshalb nicht vor dem nächsten Morgen gestartet. Als die Helfer endlich an der Spalte ankamen und ein Seil hinunterließen, stellten sie erleichtert fest, daß der Mann dort unten noch am Leben war. Er wurde mit nur leichten Verletzungen geborgen. Er war tief unten auf einem Absatz gelandet und hatte es geschafft, in den Schlafsack zu kriechen. So überstand er die Nacht, ohne zu erfrieren. Doch seinen Rucksack verlor er hinunter auf den Grund der Spalte. Der kam in der Mitte der 90iger unten am Ende der Småttene an und ist heute im Gletscherzentrum im Jostedalen ausgestellt.
Nach dieser Erzählung befand sich unsere Spannung auf dem Höhepunkt, und wir begannen mit dem Aufstieg durch die Småttene. Rund um uns sehen wir Spalten, und wir wissen, daß auch unter uns, vom Schnee ebdeckt, Spalten sind. Die Schneedecke, die im Winter die Spalten bedeckt, kann ziemlich dick sein. Im laufe des Frühlings und Sommers bleiben von ihr jedoch nur Schneebrücken übrig. Und ob die halten, weiß man nicht immer im Voraus. Deshalb ist es unbedingt notwenig, hier ordentlich mit Seil und Gurt gesichert zu gehen, und immer auf einen evtl. Einbruch eines Mitgleides der Seilschaft gefaßt zu sein. Unser Führer geht zuerst und untersucht die Schneebrücken, die er für unsicher hält, genau. Einen Augenblick lang denke ich, was wir wohl anfangen, wenn er einbricht, doch ich weise den Gedanken resolut von mir.
Am späten Nachmittag sind wir oben auf dem höchsten Punkt der Småttene angelangt. Wir befinden uns jetzt mitten zwischen der Lodalskåpa (2083 m) und der Brenibba (2018 m). Wir gehen weiter in den Einschnitt, der Ståleskardet genannt wird. Dies ist eine enorme Wächte, vom Wind erbaut. Auf der anderen Seite schlagen wir unser Zeltlager auf und genießen den ersten Abend auf dem Gletscher. Ein paar ganz Sportliche unternehmen einen Abendausflug auf die Lodalskåpa und können eine umwerfende Aussicht bis zum Meer im Westen und Jotunheimen im Südosten genießen.
Das Zeltlagerleben ist auf einem solchen Gletscher etwas ganz besonderes. Die Zelte werden einfach auf dem Schnee aufgebaut, und wir schlafen zu dritt oder viert in einem Zelt. Besonders geräumig ist es nicht, aber nach einem langen Skitag schlafen wir tief und fest. Wir haben Bescheid bekommen, ausreichend Brennstoff mitzunehmen, um Wasser schmelzen zu können, aber wir finden fließendes Wasser an der Felswand oberhalb des Ståleskardet. Under Führer erzählt uns, daß dies einer der wenigen Orte unterwegs ist, wo man mit ziemlicher Sicherheit Wasser findet.
Der nächste Tag beginnt früh. Heute geht es schwerer, denn alle Anstiege von gestern sitzen uns immer noch in den Beinen. Zum Glück befinden wir uns nun bereits auf 1800 m Höhe. Heute folgt eine leichte Tour über das Gletscherplateau. Die Hänge sind flach, die Ebene weit. Die Mittagspause machen wir auf der Kjenndalskruna. Von diesem Gipfelpunkt aus können wir direkt hinunter auf den steilen Kjenndalsbreen und über das gesamte Lodalen blicken.
Nun geht es gleichmäßig hinauf zum höchten Punkt auf dem Jostedalsbreen, dem ca. 1950 m hohen Høgste Breakulen. Von hier aus geht es bis zum Kvitekoll und den Ramnane zusammenhängend bergrunter. Hinter den Ramnane können wir ins Oldedalen hinuntersehen, wo der bekannteste Gletscherarm des Josten liegt: der Briksdalsbreen, der jeden Sommer von rund 250 000 Touristen besucht wird. Die finden sicher, er ist enorm, wie er sich ins Tal hinunter wälzt. Doch von hier, wo wir stehen, sieht er verschwindend klein aus.
Von den Ramnane aus geht es recht leicht weiter zur Bings Gryte. Dieses Windloch liegt genau an der schmalsten Stelle des Gletschers. Hier schlagen wir unser Lager auf und genießen den herrlichen Sonnenuntergang, der die Gipfel Jotunheimens rot färbt.
Unser letzter Tag auf dem Gletscher beginnt mit einem kleinen, steilen Hang, bevor wir im Südosten den letzten Teil des Gletschers überblicken können. Wir sind nun auf dem Weg hinunter zum Supphellebreen und der Flatbrehytta. Unterwegs statten wir der Supphellenipa einen Besuch ab und haben eine herrliche Aussicht über den Sognefjord und Jotunheimen. Anschließend folgen lange, flache Abfahrten hinunter zur Gletscherkante kurz oberhalb der Flatbrehytta. Diese Hütte liegt nur wenige Meter vom Flatbreen entfernt. Der Patentführer Anders Øygard baute die erste Hütte hier oben. Das gesamte Material dafür trug er auf den Schultern die 1000 Höhenmeter vom Tal herauf.
Die Patentführerordnung wurde vom DNT verwaltet. Lokal ansässige Bauern konnten das Patent für eine Route erwerben und damit das Alleinrecht, gegen Bezahlung Leute auf dieser Route zu führen. Der Preis für eine Tour wurde vom DNT festgelegt, und der Patentführer verpflichtet, einen Teil des Gepäcks der Touristen zu tragen. Die meisten Patente wurden vom Ende des 19. Jhds. bis zum Krieg vergeben. Nach dem Krieg wurden nur noch einige wenige Patente ausgeteilt, und heute gibt es keine Patenführer mehr. Die Patentführerei konnte so viel einbringen, daß der Bauer einen Ablöser bezahlen konnte, der sich des Hofes annahm, während er selber auf dem Gletscher unterwegs war.
Der Abstieg von der Flatbrehytta ist der steilste auf der Tour. Hier nehmen einige die Skier sicherheitshalber in die Hand. Wir gelangen wieder hinunter in ein grünes, warmes Tal. Nach drei Tagen im Winter und Schnee tut es gut, in den Früchling zurückzukommen.
Diese Tour ist sicher für viele ein Traum. Man braucht nicht mehr als eine normal gute physische Form. Wer ein wenig Erfahrung mit schwerem Rucksack hat und Skilaufen kann, schafft diese Tour. Der erste Tag ist der schwierigste, und man muß damit rechnen, am Abend gründlich kaputt zu sein.
An Ausrüstung benötigt man das übliche für eine Wintertour (siehe hier). Auf dem Jostedalsbreen wechselt das Wetter schnell. Man kann Sommer und Wärme und vollen Winter am gleichen Tag erleben.
Man sollte diese Tour nicht ohne Führer gehen. Die Småttene sind gefährlich, und um hier allein zu gehen, muß man ausreichend Gletschererfahrung und die nötige Ausrüstung haben. Außerdem ist die Orientierung auf dem Gletscher äußerst anspruchsvoll. Verläuft man sich im Nebel, riskiert man, plötzlich über einen Abgrund oder einen steilen Eisfall zu gehen. Die wenigen möglichen Abstiege vom Gletscher sind schwer zu finden. Hierzu braucht man Ortskenntnis. Versichern Sie sich, daß Ihr Führer ein geprüfter Führer des Norsk Fjellsportforum (NF) ist und er die Tour schon einmal gemacht hat.
Wenn Sie Lust haben, den Josten längs zu gehen, bieten folgende Firmen Führungen an:
Breoppleving DA
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